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Ethik / Philosophie, Oberstufe, Gymnasium

Standpunkte der Ethik

Standpunkte der Ethik
Herausgegeben von Nink, Hermann et al.
Erschienen Paderborn: Schöningh, 2010
Seitenanzahl 394
ISBN 978-3-14-025006-1
Rezensiert von Alexandra Kuske, Denise Schöppner und Peter Seel (Studierende), 7. November 2012
Projekt Justus-Liebig-Universität Gießen, Sommersemester 2012, Schulbücher im Ethik- und Philosophieunterricht

Rezension von Alexandra Kuske, Denise Schöppner und Peter Seel (Studierende)


Einleitung
Die Neuauflage des Buches „Standpunkte der Ethik“ vom Schöningh Verlag ist ein klassisches Schulbuch mit optischen Reizen und philosophischen Klassikern. Es reicht vom mehr oder weniger ansprechenden Coverbild bis zur gelungen Darstellung des Höhlengleichnisses von Platon.
Auf den ersten Blick wirkt „Standpunkte der Ethik“ sehr übersichtlich, klar strukturiert und aktualitätsbezogen. Das Buch hält sich dabei an die strikte Struktur, Themen und Texte im Doppelseitenprinzip zu präsentieren. Aufbau und Inhalt der Aufgabenstellungen wirken ebenfalls klar strukturiert und orientieren sich an den Anforderungsbereichen. Die Themen- und Textauswahl ist standardgemäß, aber auch sehr abwechslungsreich, ein Eindruck, der durch das Doppelseitenprinzip zustande kommt. „Standpunkte der Ethik“ präsentiert sich als solides Lehrbuch für die Oberstufe, mit dem Schülerinnen und Schüler wie auch Lehrkräfte gleichermaßen gut durch die Sekundarstufe II begleitet werden. Als Zusatzmaterial kann sich die Lehrkraft am Lehrerband „Standpunkte“ der Ethik orientieren, welches erst kürzlich (2012) vom Verlag herausgegeben wurde.

Aufbau/Struktur
Im ersten Kapitel „Philosophie als Grundlage der Ethik“ wurden die Seiten für eine Darstellung der Philosophie im Allgemeinen genutzt. Die Schülerinnen und Schüler werden durch berühmte Zitate und Fragestellungen erstmals mit den Kernfragen der Philosophie konfrontiert und können so einen sehr freien und individuell gestaltbaren Einstieg finden.
Der darauffolgende Abschnitt ist in diesem Zusammenhang sehr sinnvoll als Methodenkapitel verfasst worden. Die wichtigsten Elemente, welche in der praktischen Auseinandersetzung mit der Philosophie im Unterricht zum Tragen kommen, werden den Schülerinnen und Schülern in einer sehr anschaulichen und gut strukturierten Übersicht dargestellt.
Inhaltlich bilden die ersten beiden Kapitel den ersten Teil des Buches, welcher die wesentlichen Positionen aus Philosophie und Gesellschaftswissenschaften zur Anthropologie und zu einer theoretischen Grundlegung der Ethik vorstellt. Dieser legt den Schwerpunkt auf die verschiedenen Modelle zur Begründung der normativen Ethik (u. a. Tugendethik, Gesinnungs-/Sollensethik, Utilitarismus/Folgenethik). Die vielzähligen Anwendungsbereiche der Ethik (u.a. Medizin und Ethik, Wirtschaft und Ethik, Wissenschaft und Ethik) werden im zweiten Teil des Bandes behandelt und durch das Kapitel „Religion und Ethik“ abgeschlossen. Ein sehr gelungener Zusatz des Buches ist es, dass mehrere Kurzlexika nach bestimmten Kapiteln vorhanden sind, die den Schülerinnen und Schülern eine gute Voraussetzung für Wiederholungen, Verfestigungen und Übersichten bieten. Insgesamt befinden sich drei solcher Kurzlexika im Buch. Ebenso ist ein auf das Buch abgestimmtes Glossar vorhanden. Durch das Doppelseitenprinzip des Lehrbuches weisen die Kapitel einen eher additiven Charakter auf. In den seltensten Fällen benötigt man das vorherige Kapitel zum Verständnis bzw. zur Verarbeitung der Inhalte und Aufgabenstellungen, daher kann die Reihenfolge beliebig festgelegt werden.
Zu jeder neuen Thematik, zu jedem spezifischen Schwerpunkt wurden konkrete und sehr schülerorientierte Zugänge geschaffen. Der Lebensraum und die Erfahrungswelt der Schüler und Schülerinnen werden berücksichtigt und durch Beispielsituationen oder durch aktuelle Bezüge zur unmittelbaren Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen konkretisiert. Philosophische Regeln, Leitlinien und Grundsätze werden sehr gut didaktisch reduziert und zur Weiterverarbeitung im Unterricht aufgearbeitet. Auch mittels attraktiver Beispiele, die sich auf Filme, Bilder oder prominente Menschen beziehen, werden reale Bezüge und ein alltagsgemäßer Zugang geschaffen, die sich im Buch durchaus positiv abzeichnen.

Fachdidaktische Position und Fragestellung
Das Lehrbuch orientiert sich am Fachkonzept der Ethik sowie an vielen Aspekten der praktischen und theoretischen Philosophie. Dies zeigt schon das erste Kapitel, das mit seinem Titel „Selbst Denken! Philosophie als Grundlage der Ethik“ den enormen Einfluss der Philosophie verdeutlicht. Bereiche wie Anthropologie, normative Ethik und praktische Philosophie werden in den einzelnen Kapiteln ausführlich behandelt. Im Buch wird eine Vielzahl von Unterrichtskonzepten angesprochen, die von reiner Textproduktion über Handlungs- und Problemorientierung bis hin zu Lernaufgaben reichen.
Positiv zu bewerten ist, dass fachdidaktische Konzepte wie das Gedankenexperiment und die Dilemmadiskussion im Buch berücksichtigt, ausführlich erklärt und auch an einigen Stellen zum Einsatz kommen. Dies könnte jedoch durchaus öfter der Fall sein. Das Methodentraining am Anfang des Buches öffnet des Weiteren die Möglichkeit, fachspezifische Kompetenzen zu jeder Zeit nachzuschlagen und zu trainieren, was für ein Buch, das für die Sekundarstufe II gedacht ist, durchaus wichtig ist. Das oberste Ziel, das im Buch durch seine Fragestellungen und fachdidaktischen Positionen verfolgt wird, ist es, den Lernenden zum kritischen Denken und Handeln anzuregen Dies gelingt.

Materialien
„Standpunkte der Ethik“ entspricht aus fachwissenschaftlicher Sicht hohen Ansprüchen. Es werden Literaten und deren Werke aus unterschiedlichsten Fachrichtungen thematisiert. Diese erstrecken sich von Schriftstücken traditioneller Philosophen der Antike über moderne Soziologen bis hin zu Gesetzestexten. Dadurch lernen die Schülerinnen und Schüler ein großes Spektrum ethischer und philosophischer Standpunkte kennen.
Das Buch bietet vielfältige Originaltexte von Philosophen wie beispielsweise „Aristoteles: Die Hand- „Werkzeug aller Werkzeuge“ oder „John Stuart Mill: Die Lebensauffassung des Utilitarismus“, die meist in gekürzter Fassung vorliegen. Ebenso lassen sich informierende Gesetzestexte wie „Das Strafrecht zum Schwangerschaftsabbruch“ finden. Die Originalbeiträge der Autoren zu einem Thema sind jeweils durch ein * gekennzeichnet und erläutern, verifizieren oder fassen wichtige Grundgedanken des Themas zusammen. Im Buch liegen ebenfalls Kurzbiographien der wichtigsten Philosophen wie Platon, Aristoteles und Sokrates vor, welche zum einen sehr übersichtlich gestaltet sind und zum anderen die wichtigsten Daten, Gedankengänge und Grundprinzipien der einzelnen Philosophen darlegen.
Auf fiktionale Texte, die die einzelnen Themen des Buches unterstützen könnten, wird mit wenigen Ausnahmen verzichtet. Die Autoren bedienen sich vorrangig solcher Textquellen von Philosophen, Zeitungsberichten und/oder Gesetzesauszügen, die einen hohen Aktualitätsgehalt aufweisen. Beispielsweise werden der Film Avatar als Typus des „edlen Wilden“ oder die Thematisierung von Stuttgart 21 im Bezug auf das Thema „Gibt es ein Recht auf Widerstand?“ aufgegriffen. Die Länge und Kürzung der Texte aufgrund des Doppelseitenprinzips, besonders der Originaltexte von Philosophen (beispielsweise Aristoteles) ist zum Teil fraglich. An einigen Stellen scheint der Platz im Buch eher das Kriterium für die Textlänge gewesen zu sein als die inhaltlichen Gesichtspunkte.
Die Materialien geben unterschiedliche Positionen, Interessen und Zielsetzungen exemplarisch nur sehr begrenzt wieder, da Themen nur auf zwei Seiten dargestellt werden. Es gibt daher zu einigen Themen nur eine dargestellte Position oder einen zu behandelnden Text. Die oftmals einseitigen Darstellungen werden als interessensgebundene Positionen im Buch gekennzeichnet. Dies geschieht durch Kurzbibliographien der Autoren am Rande der Seiten. Der Leser weiß somit, ob es sich um eine Meinung bzw. Darstellung eines anerkannten Philosophen, eines Schriftstellers oder eines Mediziner etc. handelt. Die angebotenen Materialen ermöglichen ethische Fragen zu erkennen, zu erkunden, zu verstehen und zu lösen. Vor allem durch die hohe Aktualität von Bildern, Graphiken und Darstellungen werden die Diskussionen automatisch auf aktuelle Themen gelenkt und verlinken die ethischen Grundprobleme und -fragen mit dem alltäglichen Leben der Schülerinnen und Schüler.
Dem Bereich der Interkulturalität wird ein großes und aktuell durchaus angemessenes Spektrum an Texten gewidmet, in denen unterschiedliche Perspektiven vermittelt werden. Zu diesen gehören sowohl die einzelnen Weltreligionen als auch andere Weltanschauungen. Abschließend ist zu sagen, dass sich die Texte in „Standpunkte der Ethik“ auf dem aktuellen Forschungsstand befinden. Durch die hohe Aktualität haben die Texte und Bilder des Buches einen starken Alltagsbezug, da anzunehmen ist, dass die Schüler und Schülerinnen bereits im Vorfeld mit diesen Themen in Kontakt kamen. Das Textniveau und die Verständlichkeit sind der Oberstufe angemessen.

Aufgabenstellung
In der Aufgabenstellung wird meistens darauf geachtet, dass äußere und innere Schülerhandlungen durch Verben als Operatoren präzise eingesetzt werden und verschiedene Methoden angewandt werden. Bei der Formulierung der Aufgabenstellung im Buch wurde versucht darauf zu achten, dass die abiturrelevanten Operatoren sinnvoll verwendet werden und zur Überprüfung des zu erlernenden Wissens beitragen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Kapitel „Wie lässt sich Moral begründen?“. Hier lautet z.B. eine Fragestellung: „Diskutieren Sie: Ist es möglich oder wünschenswert, in der heutigen Gesellschaft ausschließlich in der ‚Körperwelt‘ zu leben?“. Nicht bei allen Aufgabenstellungen ist dies allerdings in gleicher Weise gut gelungen, stellenweise werden W-Fragen formuliert.
Die Aufgabenstellungen des Buches sind meist aufeinander aufgebaut. In jedem Kapitel finden sich zwei bis vier Aufgaben, die hauptsächlich darauf angelegt sind, den Lernenden zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema zu animieren. Das Konzept der Aufgabenstellung arbeitet das Prinzip der Anforderungsbereiche ab. Dieses reicht vom einfachen Textverständnis bis hin zu Transferleistungen. Hierbei ist zu betonen, dass die Transferleistungen auf unterschiedlichem Wege und durch unterschiedliche Operatoren durchzuführen sind. Sie reichen von „vergleichen, diskutieren“ bis hin zu „Führen Sie ein Gedankenexperiment durch“. Durch diese Art der Aufgabenstellung werden die Schülerinnen und Schüler zu Formulierungen ihrer eigenen Lösungsansätze angeregt und dies initiiert eine kritische Auseinandersetzung mit den dargestellten Positionen und Prinzipien.
Ein kleiner Kritikpunkt an den Aufgabenstellungen ist, dass es keinerlei Binnendifferenzierungsaufgaben gibt. Diese müssten daher von der Lehrkraft gestellt werden. Auch zeigen sich bei der Aufgabenstellung einige Probleme, die durch das zwei- Seiten-Prinzip des Buches entstehen: So folgen manche Fragestellungen direkt an der jeweiligen Seite des Textes, andere wiederum erst am Ende des Kapitels. Daher beziehen sich einige Fragen auf nur einen Text, andere auf mehrere. Zwar lernen die Schüler und Schülerinnen durch diese Bearbeitungskomponente etwas Neues, und können dieses auch auf andere Gebiete anwenden, jedoch fehlt in manchen Kapiteln die Übertragungskomponente komplett.

Fazit
Das Buch „Standpunkte der Ethik“ ist ein aktuelles Buch, das durch seine klare Strukturierung, eine vielseitige Textauswahl und ein visuell ansprechendes Layout durchaus positiv zu bewerten ist. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Anpassung der Aufgaben durch die Lehrkraft von Nöten ist. Nicht jede der im Buch gestellten Fragen und Aufgaben eignen sich für den erwünschten Lernertrag. Das Buch ist für die Nutzung in der Sekundarstufe II durchaus geeignet und die Anschaffung dieses Lehrbuches ist zu empfehlen.


Lizenz: CC BY-ND 4.0 Lizenz „Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ (CC BY-ND 4.0)


Info Zitation Alexandra Kuske, Denise Schöppner und Peter Seel. Rezension zu: Standpunkte der Ethik von Nink, Hermann et al. (Hg.). Paderborn: Schöningh 2010, ISBN 978-3-14-025006-1, Edumeres 2012, http://edu-reviews.edumeres.net/en/reviews/reviews/alexandra-kuske-denise-schoeppner-und-peter-seel/, zuletzt geprüft am 15.10.2019.