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Ethik / Philosophie, Oberstufe, Gymnasium

Kolleg Ethik

Kolleg Ethik
Herausgegeben von Sänger, Monika
Erschienen Bamberg: C. C. Buchner, 2010
Seitenanzahl 399
ISBN 978-3-7661-6633-3
Geeignet für Baden-Württemberg, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen
Rezensiert von Borkowski, André, Dennis Koch und Jessika Schulz (Studierende), 7. November 2012
Projekt Justus-Liebig-Universität Gießen, Sommersemester 2012, Schulbücher im Ethik- und Philosophieunterricht

Rezension von Borkowski, André, Dennis Koch und Jessika Schulz (Studierende)


Einleitung
„Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Dieser viel zitierte Wahlspruch der Aufklärung könnte zweifelsohne auch die Leitidee des ‚Kolleg Ethik‘ sein. Mit ihrem wohldurchdachten Oberstufenbuch gelingt den Autoren der Spagat zwischen fundierten ethischen Grundlagen und aktuellen Bezügen zur Lebenswelt der Lernenden. Im Gegensatz zu vielen Branchenkollegen, deren Ethikbücher sich als schwer zugängliche Textansammlungen präsentieren, leistet das Autorenteam um Monika Sänger mit seiner Arbeit einen wirklichen Beitrag zur ethischen Bildung und bewegt sich auch bei der didaktischen Ausgestaltung absolut auf der Höhe der Zeit. So veranschaulicht dieses Lehrbuch, dass sich Niveau und Verständlichkeit keineswegs wechselseitig ausschließen müssen.
Kompakt und gleichzeitig umfassend werden die sinnvoll aufbereiteten Großthemen Anthropologie, Moralphilosophie, Problemfelder der Moral und Religion in für Schülerinnen und Schüler adäquater Form behandelt. Vorab werden die Lernenden jedoch in einem Einstiegskapitel kurz und auf den Punkt in die Grundlagen der Ethik eingeführt. Anhand berühmter Gemälde, die paradigmatisch für die vier Themenfelder stehen, gibt das Vorwort überblicksartig den eher abstrakten Begriffen ein Gesicht. So wird auch bei der Gestaltung des ansprechenden Einbands das Gemäldethema aufgegriffen.

Aufbau/Struktur
Bei der Bewertung des Kapitelaufbaus darf die Zielgruppe nicht außer Acht gelassen werden. So gibt es für die einzelnen Kapitel zwar keine explizite Einleitung, die auf eine Hinführung zum Thema zielt, allerdings ist bei der Text- und Aufgabenzusammenstellung eine stetige Progression erkennbar. Entsprechend scheint dieser Aufbau dem Alter der Schülerinnen und Schüler angemessen. Visuell ansprechende Impulse (wie Grafiken, Schaubilder, Tabellen, Comics und weitere Materialien) dienen als motivierende Einstiege sowie der Aktivierung von Vorwissen und tragen zum Verständnis der Texte bei. Nichtsdestotrotz könnten die ersten Seiten neuer Themenkomplexe optisch besser hervorgehoben sein.
Die einzelnen Kapitel folgen strikt dem Doppelseitenprinzip, ohne dabei zu starr und unflexibel zu wirken. Obwohl die Zusammenstellung der auf den Seiten angebotenen Quellentexte kohärent ist, ist es nicht zwingend notwendig, alle Abschnitte systematisch abzuarbeiten, da sie auch als eigenständige Übungseinheiten fungieren. Abgerundet werden die großen Themenkomplexe durch die zusammenfassenden ‚Wissenkompakt- Seiten‘, welche den Schülerinnen und Schülern eine hervorragende Möglichkeit zur Wiederholung bieten und so maßgeblich zum Verstehen beitragen können. Um das autonome Arbeiten der Lernenden weitergehend zu erleichtern, wäre ein Glossar zum einfachen Auffinden der zentralen Begriffe wünschenswert.
Als hilfreiche Besonderheit gibt es zu den anspruchsvollen Unterthemen über ‚Aristoteles‘, den ‚Utilitarismus‘ und ‚Immanuel Kant‘ übersichtliche Informationsseiten zur Moralphilosophie. Vereinzelte Projektseiten fügen sich ebenfalls gut ins Gesamtbild des Konzepts ein und können als abwechslungsreiche Ergänzungen genutzt werden. Hierbei werden gerade die zentralen Kompetenzen der Diskurs- und Meinungsbildung forciert. 

Aus didaktisch-methodischer Perspektive
Trotz der umfangreichen Gestaltung des Bandes wirkt jener dank sinnvoller didaktischer Reduktion nicht überladen. Auch die umfangreiche Themenwahl wurde im Aufbau der Unterthemen adäquat gestrafft. Die stellenweise additive Textzusammenstellung sowie die insgesamt stringente und kohärente Struktur lassen einen roten Faden erkennen. Besonders Neugierde weckende Titel wie „Wozu soll Gutsein gut sein?“ zeigen deutlich die Abstimmung auf schüler- und altersgerechte Problemorientierung.
In den einzelnen Kapiteln wird der geschlechtsspezifischen Heterogenität der Schülerinnen und Schüler durch die Textauswahl von sowohl weiblichen als auch männlichen Autoren gedacht. Eine Privilegierung einer bestimmten Kultur, beispielsweise im Sinne des Eurozentrismus, findet nicht statt, was eine gewisse Neutralität vermittelt.
Aufgrund der gleichermaßen realisierten Handlungs- sowie Problemorientierung entspricht das Buch dem gegenwärtigen Forschungsstand. Weiterhin erleichtert die klare Struktur eine selbstständige Erarbeitung der Aufgaben und Inhalte. Einige Aufgaben lassen ergebnisoffene Diskussionen zu, während es in anderen Bereichen darum geht, Standpunkte und Konzepte nachzuvollziehen.
Allerdings könnte man gerade im Kapitel ‚Anthropologie‘ im Sinne einer stärkeren Schülerorientierung die Lernenden durch gezielte Text- und Themenwahl stärker ansprechen. So könnte das Thema Toleranz mehr auf das unmittelbare Umfeld der Jugendlichen bezogen und im Rahmen des Kulturbegriffs auf die Jugendkultur eingegangen werden. Die logisch-semantische Verknüpfung von Themen und Bildern, die als Einstieg dienen, ist sehr gut gelungen, da gezielte Fragen die Assoziationen der Schülerinnen und Schüler auf den Inhalt lenken.

Materialien
Der Gesamtaufbau des Buchs ist durchweg überzeugend und bietet nahezu keinen Grund zur Beanstandung. So ermöglicht die klare Struktur sowohl der Lehrperson als auch den Schülerinnen und Schülern eine schnelle Orientierung, was wertvolle Unterrichtszeit spart.
Wissenschaftliche Aufsätze, Zeitungsartikel, Gesetzestexte sowie belletristische Auszüge werden im Lehrbuch aufgegriffen und liefern den Schülerinnen und Schüler eine vielfältige Auswahl an ansprechenden Materialien. Um schülergerecht mit dem Buch arbeiten zu können, werden alle Texte didaktisch reduziert. Manche Kürzungen enthalten jedoch nur Teilprämissen aus den Originalquellen, was Lehrpersonen beim Erarbeiten der Themen beachten sollten. Dem Anspruch des Oberstufenbuches sind die Länge sowie das Sprachniveau der Texte angemessen. Um jedoch das philosophische Fragen und Denken der Schülerinnen und Schüler stärker zu fördern, ist es notwendig, ein ergebnisoffenes Konzept der Fragestellungen zu Grunde zu legen. Diese sind jedoch oft nur halboffen (d.h. hier: in eine bestimmte Richtung gelenkt). Ein für die Schülerinnen und Schüler wichtiger Alltagsbezug ist durch ansprechende Bilder, die einen hohen Aktualitätsgrad haben, vorhanden. Zudem werden unterschiedliche Standpunkte deutlich dargelegt. Jene liefern den Schülerinnen und Schüler Anregungen zur Diskussion, sind aber auch durch Autorennamen gekennzeichnet, sodass interessengebundene Positionen erkennbar sind. Wünschenswert wären mehr Begleitmaterialien, die didaktisch eingebunden werden könnten, sodass die Schülerinnen und Schüler nicht nur mit dem Medium ‚Buch‘, sondern zum Beispiel auch filmisch oder mit dem Internet arbeiten können.

Aufgabenstellung
Das Lehrbuch folgt dem Schema ‚Text + Fragen zum Text‘ bzw. ‚Aufgaben zur Texterschließung‘ durchgehend. Es gibt keine Leistungs- oder Interessendifferenzierung, die sich z.B. durch unterschiedlich komplexe oder/und zusätzliche Aufgaben realisieren ließe. Die Fragen werden stellenweise als unspezifische ‚W‘-Fragen gestellt. Dabei werden durchaus offene Fragestellungen, wie z.B. „Erarbeiten Sie“ oder „Diskutieren Sie“ genutzt. Damit orientiert sich das Buch an der für die Abiturprüfungen vorgegebenen Operatorenliste.
Die einzelnen Aufgaben bauen zudem aufeinander auf. In den ersten Fragen wird versucht, an bereits vorhandenem Wissen anzuknüpfen, im Anschluss wird konkret auf das vorliegende Material eingegangen und abschließend werden Probleme eröffnet, die der kritischen Urteilsbildung dienen. Gelegentlich wird reine Recherche gefordert. Auf einigen Doppelseiten steht die zusätzliche Informationsbeschaffung im Vordergrund, die unter Umständen schwer realisierbar sein könnte, da zum Beispiel ein Vorhandensein von Computern vorausgesetzt wird.

Fachdidaktische Position und Fragestellung
Das Buch bietet eine Vielfalt an Unterrichtskonzepten, was sich anhand der Aufgabenstellungen zeigen lässt. Hierin wird neben der ausführlichen Auseinandersetzung mit den Texten ebenfalls zum eigenen Verstehen und Arbeiten der Schülerinnen und Schüler aufgefordert, z.B. „Setzen Sie sich mit dem Versuch einer Definition von Religion auseinander. Sind sie auf alle Ihnen bekannten Religionen anwendbar?". Dazu werden verschiedene fachdidaktische Konzepte berücksichtigt. Durch das Arbeiten mit z. B. ‚Dilemmasituationen‘ oder ‚Gedankenexperimenten‘ lernen die Schülerinnen und Schüler, verschiedene Positionen einzunehmen und darauf basierend zu argumentieren. Verschiedene Kompetenzen (basierend auf der Bonner Erklärung der Deutschen Gesellschaft für Philosophie zum Philosophie- und Ethikunterricht: www.ruhr-uni-bochum.de/philosophy/forumfd/Erkllaerungen/bonn.htm) werden durch die Arbeit mit dem Buch gefördert und geübt. So zum Beispiel die Textkompetenz und das damit verbundene Textverständnis, welche durch inhaltserschließende und weiterführende Fragen gefördert werden. Ebenso werden soziale Kompetenzen durch Aufgaben, die von den Schülerinnen und Schülern Dialoge oder Diskussionen fordern, und auch interkulturelle Kompetenzen, z.B. durch das Arbeiten mit Kapitel unter dem Stichwort ‚Religion’, unterstützt. Hierbei werden jedoch weniger die Unterschiede der verschiedenen Religionen thematisiert, sondern es wird ein religionswissenschaftlicher Ansatz gewählt. Durch nahezu alle Aufgaben wird die Urteilskompetenz gefördert, was von einem Ethik-Buch auch erwartet werden kann.

Gegenwartsbezogenheit
Fachwissenschaftliche Aktualität zu gewährleisten ist ein schwieriger Anspruch, dem dieses Lehrwerk jedoch zur Genüge gerecht wird. Zum einen sind traditionelle philosophische Texte vertreten, zum anderen finden sich auch moderne Anschauungen, die mit aktuellen Forschungsergebnissen untermauert sind (z.B. Forschung zur Präimplantationsdiagnostik). Weiterhin sind die verschiedenen Dimensionen des Faches Ethik berücksichtigt worden. Jene (Philosophie, Soziologie, Religionswissenschaft und Naturwissenschaft) sind additiv aufgebaut, ergänzen sich jedoch, da Zusammenhänge überleitend aufgezeigt und durch gegebene Aufgabenstellungen untersucht werden. Die Befähigung zur begründeten Urteilsbildung wird dadurch intensiviert und hilft den Schülerinnen und Schüler somit, sich innerhalb der Gesellschaft besser zu verorten. Fachliche oder faktische Fehler sind im gesamten Lehrwerk nicht zu finden.

Fazit
Bei der Entscheidung für ‚Ethik Kolleg‘ hat man mit Sicherheit eine gute Wahl getroffen. Zwar muss man hinsichtlich der Aufgabenstellungen gelegentlich kleine Abstriche machen, was durch die vorbildliche Struktur und ausgewogene Materialauswahl aber mehr als aufgewogen wird. Weitere Stärken wie thematische Aktualität, ansprechende Illustrierungen und langlebiges Design sorgen für ein absolut faires Preis- Leistungs-Verhältnis.


Lizenz: CC BY-ND 4.0 Lizenz „Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ (CC BY-ND 4.0)


Info Zitation Borkowski, André, Dennis Koch und Jessika Schulz. Rezension zu: Kolleg Ethik von Sänger, Monika (Hg.). Bamberg: C. C. Buchner 2010, ISBN 978-3-7661-6633-3, Edumeres 2012, http://edu-reviews.edumeres.net/en/reviews/reviews/borkowski-andre-dennis-koch-und-jessika-schulz/, zuletzt geprüft am 15.10.2019.