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Ethik / Philosophie, Oberstufe, Gymnasium

Projekt Leben, Philosophie und Ethik für die Oberstufe

Projekt Leben, Philosophie und Ethik für die Oberstufe
Herausgegeben von Jelden, Eva et al.
Erschienen Stuttgart: Klett, 2009
Seitenanzahl 400
ISBN 978-3-12-694020-7
Geeignet für Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Saarland, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Hamburg, Bremen, Brandenburg, Berlin, Bayern, Thüringen
Rezensiert von Döhnert, Hannah, Gitta Donges-Herbel und Marius Hummitzsch (Studierende), 7. November 2012
Projekt Justus-Liebig-Universität Gießen, Sommersemester 2012, Schulbücher im Ethik- und Philosophieunterricht

Rezension von Döhnert, Hannah, Gitta Donges-Herbel und Marius Hummitzsch (Studierende)


Einleitung
„Konfutse lehrte vor 2500 Jahren, dass die edelste Art zu handeln mit Nachdenken verbunden ist. ‚Projekt Leben‘ bietet in diesem Sinne einen roten Faden für einen handlungsorientierten, lebendigen Unterricht. Aktuelle ethische Fragen beziehen Alltagserfahrungen mit ein und regen zu selbständiger ethischer Reflexion an“, so ist der Klappentext des Schulbuches „Projekt Leben“ formuliert. Es ist 2009 im Ernst Klett Verlag erschienen und für die Einsetzung im Ethikunterricht in der gymnasialen Oberstufe gedacht. Weiterhin verspricht der Verlag, alle Themen des Lehrplans der Stufen 10-13 in diesem Band berücksichtigt zu haben. [Das Inhaltsverzeichnis ist auf der Homepage des Verlages als pdf-Dokument einsehbar und kann heruntergeladen werden.]

Aufbau/Struktur
Zunächst macht das Buch durch den Hardcovereinband einen alltagsstabilen Eindruck. Das Layout z.B. bezüglich der Farbwahl „hellblau“ wird nicht nur auf dem Einband verwendet, sondern zieht sich durch das gesamte Buch. Im Inhaltsverzeichnis sind die jeweiligen Kapitel hellblau abgesetzt. Die Unterkapitelüberschriften befinden sich in den Kopfzeilen auf den jeweiligen Seiten der Kapitel und sind in weißer Schrift hellblau unterlegt. In den Kapiteln werden Doppelseiten graphisch hervorgehoben. Zu sehen sind die Kapitelüberschrift, ein großes Bild, Schlagwörter zum Thema und darüber hinaus spezifische Leitfragen. Die Leitfragen und Schlagwörter umreißen wesentliche Schwerpunkte des folgenden Kapitels und liefern somit eine erste Orientierung. Weiterhin fallen dem Nutzer beim ersten Durchblättern gelb unterlegte Doppelseiten ins Auge, die Methodenseiten. Pro Kapitel werden einzelne Methoden angeboten, die exemplarisch am jeweiligen Thema geübt werden können.,

Autorentexte/Verfassertexte
Der Buch- und Kapitelaufbau lässt aufgrund des Layouts optisch Struktur erkennen und ist in sich schlüssig. Jedes Kapitel verfügt über eine Auftaktseite. Die Themenseiten sind immer auf eine Doppelseite begrenzt. Man findet eine Auswahl an Quellentexten in Kombination mit Autorentexten vor, wobei quantitativ mehr Quellentexte verwendet werden. Dabei ist zumeist eine Staffelung von leicht verständlichen zu etwas komplexeren Texten erkennbar. Der jeweilige Kapitelaufbau - inklusive Themenseiten – ist logisch zusammenhängend aufgebaut. Pro Doppelseite ist mindestens ein Bild beigefügt, meist sogar zwei bis drei. Das didaktische Konzept ist kohärent und bietet einen schülerfreundlichen Zugang zu den einzelnen Themen.
Pro Themenseite werden im Schnitt vier Fragestellungen zur Erarbeitung des Themas angeboten. Diese setzen, insbesondere beim Einstieg in ein Thema, an den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler an, bevor sie auf die Metaebene zielen. Ein guter Einstieg in den Ethikunterricht wird den Schülerinnen und Schülern in Kapitel 1 geboten. Es werden erste Schritte ethischen Argumentierens erprobt. Eingeführt werden die Begriffe des „Guten“ und die Unterscheidung von „Sein/Sollen“ ebenso wie der naturalistische Fehlschluss. Eine erste Anwendung unter Zuhilfenahme von literarischen Quellen regt zur differenzierten Diskussion an. Texte z.B. von Aristoteles und Hume sind sinnvoll ausgewählt und werden didaktisch reduziert dargestellt. Philosophische, religionskundliche und soziologische Aspekte werden in den Kapiteln verknüpft. So bietet z. B. Kapitel 2 „Anthropologie“ eine philosophische Dimension von Moral, eine soziologische Dimension, indem sie auf die „Zweite Natur“ des Menschen rekurriert, und eine religionskundliche, indem Positionen verschiedener Religionen zu Einzelthemen herangezogen werden. Auf die Heterogenität der Schülerschaft wird Rücksicht genommen. Es werden nicht nur Sachverhalte verschiedener Kulturen darstellt, sondern auch Interviews mit Angehörigen unterschiedlichster Nationen angeboten.
Als benutzerfreundlich ist es zusätzlich zu bewerten, dass die Kapitel in sich geschlossen sind und auch Querverweise zu bestimmten Themen gegeben werden. Dadurch können Zusammenhänge deutlicher herausgearbeitet werden.

Analyse der Materialien
„Projekt Leben“ bietet eine Pluralität an Textsorten: Literarische, informierende, religiöse, philosophische, journalistische Texte, Gesetzestexte und Auszüge aus Lexika sind dabei zu finden. Den Schülerinnen und Schüler wird mit dieser Auswahl die Möglichkeit gegeben, Themen aus verschiedenen Perspektiven zu erkunden. Die Präsentation der Materialien ist zufriedenstellend gelungen. Die Länge der Quellentexte zeigt sich als überschaubar und die vorgenommenen Kürzungen geben die Kernaussagen wieder. Im Wesentlichen sind die relevanten Quellentexte zu einem Thema aufgeführt oder angeschnitten. Dass an der einen oder anderen Stelle wünschenswerte Ausführungen zu kurz kommen, mag dem Anspruch auf Unterbringung aller Oberstufenthemen geschuldet sein. Alle Quellen sind vollständig bibliographiert. Die Autorentexte sind kurz gehalten und geben knappe Informationen zum jeweiligen Thema. Leider befindet sich das Sprachniveau nicht immer auf einem für die Oberstufe zu wünschendem Niveau. So sind z.B. die Autorentexte in Kapitel 5 recht einfach gehalten.
In den Kapiteln wird ein lebensweltlicher Bezug zum Schüleralltag hergestellt. Anhand von aktuellen Themen wie der Kopftuchdebatte oder der Globalisierung werden Situationen geschildert, in denen sich die Schülerinnen und Schüler gut wiederfinden können. Die angebotenen Bilder haben zu oft illustrierenden Charakter und sind dann nicht mit den Texten direkt in Verbindung zu bringen, was als klare Schwäche zu bewerten ist. Die Materialien geben unterschiedliche Positionen, Interessen und Zielsetzungen exemplarisch wieder. Dies wird insbesondere am Kapitel 3, Angewandte Ethik, deutlich. In jedem Themengebiet, wie z.B. Wirtschaft oder Technikethik, werden verschiedene Positionen in Quellen und Autorentexten dargestellt und als solche durch Überschriften gekennzeichnet. In der Regel besteht die Aufgabe der Schülerinnen und Schüler in der Textarbeit, indem die Positionen voneinander abgegrenzt wiederzugeben, zu vergleichen und zu reflektieren sind. Dabei stehen ethische Fragen im Mittelpunkt: „Was ist Gerechtigkeit? Was gibt es für Arten von Gerechtigkeit? Wählt man Tausch- oder Verteilungsgerechtigkeit?“ (Kapitel 3.4 Individuum und Gesellschaft).
Die Lernenden werden von übergeordneten Fragestellungen zur konkreten Fragestellung „Wie handele ich?“ herangeführt. Eine erste Anwendung unter Zuhilfenahme von literarischen Quellen regt zur differenzierten Diskussion an. Hier ist mit den benutzten Quellen in Verbindung mit den Autorentexten und den grafischen Hilfestellungen ein guter Einstieg in die Materie gelungen.

Aufgabenstellung
Bei Betrachtung der Aufgaben und Aufgabenstellungen findet man im Buch zum einen eine sehr hohe Anzahl an Aufgaben, die zudem sehr abwechslungsreich und vielfältig gestaltet sind. Zum anderen überzeugen die meist in thematische Blöcke zusammengefassten Aufgaben auch qualitativ, da sie unter anderem sehr viele Frageoperatoren bedienen und so die Schülerinnen und Schüler im richtigen Umgang mit Fragen und Aufgaben herausfordern und fördern.
Exemplarisch soll dies am Beispiel Kapitel 4.3 Thema „Vom moralischen Gefühl zum Gewissen“ verdeutlicht werden. Zunächst ist es Aufgabe der Lernenden, deskriptiv die Position des Philosophen zu verdeutlichen und im zweiten Schritt den zentralen Begriff des „Wohlwollens“ zu charakterisieren und entsprechende Beispiele zu finden. Anschließend sollen sie eine persönliche Einschätzung abgeben und einen Vergleich verschiedener theoretischer Positionen vornehmen. Nachdem sie nun aus ihrer persönlichen Lebenswelt heraus Stellung zu beziehen haben, gilt es abschließend den utilitaristischen Grundsatz ausführlich zu diskutieren. Nicht nur, dass dieser Themenblock einen gewünschten systematischen und stringenten Anforderungszuwachs aufweist, sondern auch die Mannigfaltigkeit an Operatoren sticht bei diesem Beispiel heraus. Die an dem Beispiel gezeigte Konsistenz ist leider nicht bei allen Aufgabenblöcken zu finden. Zusammenfassend kann man den vorhandenen Aufgabenpool und deren Systematik als unterrichtsnah und brauchbar bewerten. Ein Problematisierungszusammenhang sowie ein aufbauender Lösungsweg sind erkennbar. Die Schülerinnen und Schüler werden zu selbstständigem und problemlösendem Denken angeregt. Jedoch muss die Lehrkraft – selbstverständlich - eine weitere didaktische Betrachtung und Bearbeitung sicherstellen.

Fachdidaktischer Kommentar
Die Textreduktion und die Methodenseiten sind zentrale Kategorien der Umsetzung des im Buch genutzten didaktischen Konzeptes. Insgesamt ist die Textauswahl stimmig und nachvollziehbar. So wirken die Textausschnitte quantitativ mit sehr viel Bedacht reduziert und an den Schülerbedürfnissen orientiert. Die Lehrkraft muss hier kaum noch Eigenarbeit leisten und findet gleichzeitig eine große Auswahl an geeigneten Quellen und Autorentexte vor. Die Erkenntnisse der Leseforschung, wie z.B. die Phasen der Vorwissensaktivierung, der Texterarbeitung und der Anschlusskommunikation, sind in den Aufbau des Buches eingeflossen.
Ziel von Ethikunterricht in der Oberstufe ist es, Werkzeuge zum ethischen Argumentieren und zur ethischen Urteilsbildung zu erhalten und zu üben. Die angestrebte Selbstaufklärung, die mit Selbstreflexion, Selbstwert, Kritik- und Konfliktfähigkeit einhergeht und zur Lösung von praktisch-moralischen Dilemmata beitragen soll,  kann mit Hilfe des Buches und den einschlägigen Methodenseiten sehr gut befördert werden. Folgender Methodenpool ist gegeben: Zukunftswerkstatt, Pro- und Kontra- Diskussion, Collage, Rollenspiel, das Sokratische Gespräch, Mindmapping, Conceptmapping, Szenariotechnik, Ethisches Argumentieren, Fallanalyse, Wandzeitung, Analyse von Texten, Zeitzeugenbefragung, Dilemma-Diskussion, Exkursion in religiöse Räume, Bildinterpretation, Internetrecherche und Expertenrunde. Die Methodenseiten sind gut aufbereitet und bearbeiten exemplarisch je ein Beispiel mit entsprechenden Übungen. Sowohl die Auswahl als auch die Einführung in die Methoden erweisen sich als gelungen und schülerfreundlich.
Kritisch ist jedoch die mangelhafte Verknüpfung von Methoden - und Themenseiten zu sehen. Es werden weder die eingeführten Methoden im weiteren Verlauf abgerufen, noch findet man etwaige Querverweise zu diesen, wodurch es bei einer faktisch einmaligen Anwendung bleibt. Hier lassen sich die Autoren des Buches die Chancen entgehen, zusätzlich methodisch interessante Angebote zu machen.

Begleitmaterial
Als Zusatzangebote wird auf zweierlei Art von Online-Links verwiesen. Zum einen wird auf ein „Lexikon der Philosophen und Denker“, in dem Informationen zu Leben und Werken der jeweiligen Personen gegeben werden, aufmerksam gemacht. Zum anderen werden weitere Links zur thematischen Unterstützung angeführt. Beide Link-Arten sind von Klett gestaltet und über die Verlagshomepage aufrufbar. Durch die Eingabe der Link-Nummern gestaltet sich dies problemlos und dem Nutzer bleibt ein langes Suchen erspart. Zusätzlich verfügt das Buch über ein Glossar, in dem laut Verlag alle „wesentlichen“ Begriffe erläutert werden.

Fazit
Aufgrund der unterschiedlichen fachwissenschaftlichen Perspektiven werden den Schülerinnen und Schülern in diesem Buch eine gute Orientierung und ein guter Überblick geboten. Dies wird durch die Pluralität der Textsorten und die Textauswahl unterstützt. Man findet ein breites Angebot an Methoden. Die Bildauswahl ist nicht immer passend und wirkt teilweise willkürlich. Hier wird das große Potenzial einer schülerfreundlichen und anregenden Auswahl und Gestaltung nicht ausgeschöpft.
Das Buch bietet eine Fülle von Themen an. Es zeigt sich sehr deutlich, dass die quantitative Auswahl an Texten und Themen den Anspruch erhebt, alle Themenbereiche des Lehrplans der gesamten Oberstufe abzudecken. Die Themen erweisen sich dabei als aktuell und schließen am Erfahrungsschatz der Schülerinnen und Schüler an. Nur ganz wenige Themen werden in dem Buch ausgespart.
Das Buch ist didaktisch behutsam und gut durchdacht aufbereitet und erweist sich auch den Anforderungen eines kompetenzorientierten Unterrichts gegenüber als beständig und unterrichtstauglich. Auch für Lehrkräfte, die im Unterricht weniger auf Lehrbücher zurückgreifen möchten, bietet das Buch „Projekt Leben“ in Form der Methodenseiten interessante Werkzeuge für die Gestaltung des Unterrichts. Das Buch kann damit als Basis für den Oberstufenunterricht rundum empfohlen werden.


Lizenz: CC BY-ND 4.0 Lizenz „Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ (CC BY-ND 4.0)


Info Zitation Döhnert, Hannah, Gitta Donges-Herbel und Marius Hummitzsch. Rezension zu: Projekt Leben, Philosophie und Ethik für die Oberstufe von Jelden, Eva et al. (Hg.). Stuttgart: Klett 2009, ISBN 978-3-12-694020-7, Edumeres 2012, http://edu-reviews.edumeres.net/en/reviews/reviews/doehnert-hannah-gitta-donges-herbel-und-marius-hummitzsch/, zuletzt geprüft am 15.10.2019.