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Ethik / Philosophie, 5./6. Schuljahr, Realschule

Ethik Realschule 5/6

Ethik Realschule 5/6
Herausgegeben von Heim, Tanja und Christina Pflüger
Erschienen Braunschweig: Schroedel, 2017
Seitenanzahl 192
ISBN 978-3-507-03400-6
Geeignet für Bayern
Rezensiert von Katz, Lina Marie, Jannis van Meerendonk und Joachim Obst (Studierende), 6. June 2018

Rezension von Katz, Lina Marie, Jannis van Meerendonk und Joachim Obst (Studierende)


1. Einführung
Bilder! Das Erste, das man wahrnimmt, wenn man dieses Buch betrachtet. Diese vielfältige Nutzung von Bildern durchzieht das gesamte Buch. Der Titel des Buches wirkt mit den wenigen Worten „Ethik Realschule 5/6“ nicht sehr ansprechend, die Bilder auf dem Cover hingegen lassen schon eher auf den Inhalt schließen. Das Buch bietet einen ausgewogenen Inhalt aus sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Themen wie die eigene Wirklichkeit, Familie und elektronische Medien sowie religionskundliche Themen wie Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zwischen Völkern und Religionen. Dabei wird der Fokus sowohl auf Lebensweltbezug und Selbstreflektion als auch auf Kompetenzvermittlung gelegt.

2. Materialien und Gestaltung
Das Buch ist in ein Hardcover eingefasst und bietet so eine angenehme Haptik. Die auf dem Cover gezeigten Bilder und der farblich glänzende Einband weisen eine hohe Qualität auf.
Der Titel des Buches “Ethik” lässt sehr wenig von der Thematik des Buches erkennen, aber damit gleichzeitig auch genügend Spielraum für Interpretationen. Neben diesem Titel, der Desinteresse hervorrufen könnte, ist das Cover des Buches in freundlich oranger Farbe gestaltet und mit verschiedenen Bildern gespickt, die eine umfangreiche Themenvielfalt erahnen lassen. Das Inhaltsverzeichnis selbst ist ebenso in verschiedenen Farben gehalten, um die verschiedenen Themengebiete voneinander abzugrenzen.
Die jeweiligen Themengebiete werden mit mehreren Bildern auf einer Titelseite eingeleitet. Das Text-Bild-Verhältnis ist zumeist sehr ausgeglichen, zwar wechselt teilweise die Dominanz im Verlauf der Kapitel, im Gesamten aber halten sich Text und Bild die Waage. Die Bilder sind zumeist sehr farbenfroh und laden so zum Bestaunen ein, hinzu kommt der ständige Wechsel von realen Bildern über faktische Darstellungen bis hin zu Zeichentrick und kritischen Karikaturen. Die Qualität und Aktualität der Bilder ist hierbei stets gewährleistet.
Ähnlich wie die Gestaltung bietet auch das angebotene Lernmaterial Abwechslungsreichtum. Den Schülerinnen und Schülern werden neben Sachtexten mit faktischem Wissen ebenso Geschichten mit gezieltem Lebensweltbezug geboten. Hinzu kommen Biografien Gleichaltriger, die eine Identifikation mit gewissen Situationen und Problemen anbieten. Des Weiteren werden auch rein religiöse Texte und ebenso Gesetzestexte auf dem Niveau der Schülerinnen und Schüler angeboten. Begleitet werden diese Materialien zumeist von passenden Bildern, die eine visuelle Unterstützung bieten. In jedem Kapitel sind einige wenige Infoboxen mit Begriffserklärungen aufgezeigt, die vereinzelt mit Internetlinks zu weiteren Informationen versehen sind. Diese bilden allerdings die Ausnahme. Die angebotenen Texte sowie die Aufgaben sind schülergerecht gestaltet und auf einem angemessenen Sprachniveau dargeboten. Neben dem eigentlichen Buch steht ein weiteres Themenheft zum Kauf zur Verfügung, ansonsten ist der Umfang des Begleitmaterials allerdings begrenzt. Die Kombination der Bild- und Textvielfalt lässt einen multidimensionalen Lernprozess zu, welcher auf der Grundlage des situativen Interesses der Schülerinnen und Schüler durch den Lebensweltbezug der Themen gefördert werden kann.

4. Aktualität
Wie in der Einleitung bereits erwähnt, behandelt das Buch eine Vielfalt sowohl gängiger als auch aktueller Themen. Sowohl die Orientierung der Themengebiete als auch das didaktische Konzept, mit besonderem Fokus auf Kompetenzvermittlung, entspricht dem aktuellen Kerncurriculum.
Zu den gängigen Themen gehören die folgenden: “Feste und Riten in Religion und Brauchtum” in Verbindung mit dem Thema “Judentum, Christentum und Islam”, in welchem auf die Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen und ihrer Feiertage, religiösen Feste und Rituale eingegangen wird. Ein weiteres eher gängiges Thema wäre “Meine Wirklichkeit und ich” in Verbindung mit dem Thema “Was ich mag und was mir gut tut”, in welchem die Schülerinnen und Schüler sich mit ihrem Selbst beschäftigen können. Einige dieser Themen scheinen auf den ersten Blick veraltet, präsentieren sich nach genauerer Betrachtung aber als zeitlos.
Als besonders aktuell erweist sich neben der Behandlung typischer familiärer Formen und Probleme auch das Thematisieren von Homosexualität und Scheidung. Eine genauere Beschäftigung mit speziellen Familienformen wie Alleinerziehende und Patchwork-Familien wäre hierbei allerdings ebenso wünschenswert.
Das Thema “Das Fremde verstehen und damit richtig umgehen“ wird in einem späteren Kapitel aufgegriffen und in Verbindung mit aktuellen Flüchtlingsdebatten gebracht. Somit wird angesichts einer multi- bzw. interkulturellen Gesellschaft das aktuell stark benötigte interkulturelle Verständnis gefördert.
Eine weitere Besonderheit bietet das Themengebiet “Elektronische Medien im eigenen Leben”, in dem sehr ausführlich auf Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren elektronischer Medien eingegangen wird. Angesichts des raschen technischen Wandels und entsprechend der Forderung des Kerncurriculums bietet die Thematik hier einen Ansatzpunkt, digitale Kompetenz fördern zu können.
Die verschiedenen Thematiken werden zum Teil durch aktuelle Statistiken und Forschungsergebnisse untermauert, wobei der Großteil der Quellen, Statistiken und Forschungsergebnisse aus den Jahren 2015/2016 stammt und somit die Ergebnisse aktueller Diskussionen und Forschungsergebnisse darstellt.

5. Fachdidaktisches Konzept
Obwohl ein Vorwort, in dem sich die zwei Autorinnen mit ihrem Konzept vorstellen, fehlt, wird nach kurzer Auseinandersetzung mit dem Schulbuch deutlich, dass sich das fachdidaktische Konzept in erster Linie an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler orientiert. Sowohl die Themenauswahl als auch die Aufmachung und Gestaltung der einzelnen Kapitel sind problem- und handlungsorientiert sowie schülergerecht gestaltet.
Jedes Kapitel beginnt mit einer bunten Auftaktseite, die zwar keine eigentliche Aufgabenstellung enthält, jedoch durch schülernahe Farbfotografien einen direkten und einfachen Einstieg in das neue Thema ermöglicht. Nach der Auftaktseite folgen entweder Texte, die das neue Thema mit Fachwissen füttern, oder Denkanstöße und auflockernde Aufgabenstellungen, die einen direkten Lebensweltbezug aufweisen und eher spielerisch in das neue Thema einführen. Dieser Wechsel zwischen Fachwissen und Lebensweltbezug ist durch das gesamte Schulbuch zu verzeichnen.
Die Komplexität der Themen ist angemessen reduziert, auch wenn im Laufe des Buches die Anforderungen ansteigen. Die unterschiedlichen Textarten sind altersgerecht formuliert und auch die vielfältigen Fotos und Abbildungen sind so gewählt, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit den dargestellten Charakteren identifizieren können. Insgesamt ist das Schulbuch also sehr nah an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet.
Im Allgemeinen bezieht sich das Schulbuch vermehrt auf religionskundliche und sozialwissenschaftliche Aspekte und Thematiken. Philosophische Aspekte und Fragestellungen treten zwar das eine oder andere Mal auf, jedoch kommen sie insgesamt gesehen etwas zu kurz. Auch wunderbar geeignete fachdidaktische Konzepte wie Dilemma-Diskussionen oder Gedankenexperimente sucht man im Buch leider vergebens.
Des Weiteren sind die Aufgabenstellungen selten so formuliert, dass sie eine Differenzierung zulassen. Um im Unterricht eine Differenzierung für sowohl starke als auch schwache Schülerinnen und Schüler anzubieten, müsste die Lehrkraft hierfür die vorgegebenen Aufgabenstellungen eigenständig weiterentwickeln.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich das didaktische Konzept hauptsächlich durch die hohe Schülerorientierung auszeichnet.

5.1. Aufgabenstellungen
Die Aufgabenstellungen zielen besonders auf die Selbstinitiative der Schülerinnen und Schüler; so werden diese immer wieder aufgefordert, ihre eigene Meinung zu entwickeln bzw. zu entdecken. Dabei wird durch den Lebensweltbezug, also die Behandlung alltäglicher Themen und Probleme, eine Aktivierung des Vorwissens vorgenommen. Auffällig ist hierbei die Verwendung von W-Fragen, die mit unterschiedlichen Operatoren gekoppelt sind, stets auf die Gefühlswelt der Schülerinnen und Schüler abzielen und ihnen eine selbstständig entwickelte Meinung entlocken sollen. Die Schülerorientierung zeigt sich auch besonders an Fragen wie „Was weißt du darüber? Welche Erfahrungen hast du gemacht?“. Die Aufgaben fordern also eine kritische Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit den Themen und bieten keine reine Wissens- oder Meinungsvermittlung.

5.2. Kompetenzorientierung
Entsprechend der aktuellen Debatte um Kompetenzorientierung glänzt das Schulbuch “Ethik” mit Aktualität. Somit lässt sich anhand der Themenwahl ein starker Fokus auf gewisse Kompetenzen erkennen, die maßgeblich für ein erfolgreiches Bestehen in der heutigen interkulturellen Gesellschaft sind.
Mit dem Kapitel “Meine Wirklichkeit und ich” und den Unterpunkten wie “Ich kann, was ich kann” zielt die Aufgabenstellung explizit auf die Förderung der Selbstkompetenz der Schülerinnen und Schüler. Sie sollen lernen, sich bewusst und selbstbewusst im Kontext ihrer Umwelt wahrzunehmen. Auf Basis dieser Kompetenz werden weiterhin grundlegende Kompetenzen wie Empathie und Perspektivenwechsel gefördert, indem konkrete Textbeispiele geboten werden, die entweder einen direkten Lebensweltbezug bieten oder den Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit zum Verstehen fremder Ansichtsweisen geben. Durch die Förderung dieser grundlegenden Kompetenzen wird der Weg hin zu einer interkulturellen Kompetenz geebnet. Diese Förderung geschieht speziell durch den Bezug zu anderen Kulturen und konkreten Unterpunkten wie “Andere Länder, andere Spiele” und ”Freude in verschiedenen Kulturkreisen”. Somit können die Schülerinnen und Schüler ein Verständnis für andere Ansichtsweisen, Kulturen und Gefühlswelten entwickeln. Hinzu kommt, dass die Aufgabenstellungen, die sich auf die subjektiven Empfindungen der Schülerinnen und Schüler beziehen, einen inneren und äußeren Diskurs provozieren. Hierdurch werden die Schülerinnen und Schüler in ihrer Diskursfähigkeit gefordert und gefördert. So kann auch abseits der Kulturunterschiede ein Verständnis für individuelle Empfindungen und Ansichten geschaffen werden. Hinzu kommt die essentielle Fähigkeit, einen inneren oder äußeren Diskurs größtenteils außerhalb emotionaler Bewertung bewältigen zu können.
Zwar beschreiben die Aufgaben keine konkrete Kompetenzförderung, allerdings lässt sich die Intention dahinter klar erkennen.

6. Fazit

Das Schulbuch “Ethik” bietet den Schülerinnen und Schüler ein breites Spektrum an sozialwissenschaftlichen und religionskundlichen Themen, wobei hier stets der Fokus auf Schülerorientierung und Lebensweltbezug gelegt ist. Auch die Behandlung zeitloser philosophischer Fragen wird geboten, wobei diese nur einen kleinen Teil der Themengebiete beanspruchen.
Von der üblichen Vermittlung von Fachwissen oder gar Meinungen wird im Großen und Ganzen abgesehen, vielmehr wird der Fokus auf die Berücksichtigung individueller Empfindungen gelegt und eine gegenseitige Verständigung gefördert. Stets werden die SuS durch einfache W-Fragen, gekoppelt mit Operatoren, zum Nachdenken angeregt und dabei durch gezieltes Fachwissen unterstützt. Die Vielfalt individueller Ergebnisse, die zwangsläufig einen Konsens oder Dissens hervorrufen, lassen großen Spielraum für Diskussionen und gegenseitige Verständigung zu. Es lässt sich hierbei erkennen, dass das fachdidaktische Konzept besonders auf die Vermittlung von Kompetenzen abzielt, die es den Schülerinnen und Schüler ermöglichen sollen, die eigene Empfindung in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu bringen und dabei rücksichtsvolle, sachlich informationsgestützte Diskurse bewältigen zu können.
Zur Grundlage einer Vermittlung angemessener Handlungskompetenz dient hier eine kaum zu übertreffende Aktualität der Themengebiete und ein gezielter Lebensweltbezug. Um diesen Lebensweltbezug entsprechend zu untermauern, bedient sich das Buch einer zahlreichen Auswahl an aktuellen und interessanten themenbezogenen Bildern. Das gesamte Material, von Texten über Bildern bis hin zu Grafiken, ist sehr schülergerecht gestaltet und eignet sich durch den konkreten Lebensweltbezug sehr gut zum Erwecken des situativen Interesses der Schülerinnen und Schüler.


Lizenz: CC BY-ND 4.0 Lizenz „Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ (CC BY-ND 4.0)


Info Zitation Katz, Lina Marie, Jannis van Meerendonk und Joachim Obst. Rezension zu: Ethik Realschule 5/6 von Heim, Tanja und Christina Pflüger (Hg.). Braunschweig: Schroedel 2017, ISBN 978-3-507-03400-6, Edumeres 2018, http://edu-reviews.edumeres.net/en/reviews/reviews/katz-lina-marie-jannis-van-meerendonk-und-joachim-obst/, zuletzt geprüft am 17.11.2018.