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Ethik / Philosophie, 5./6. Schuljahr, Gymnasium

Lebenswert 1

Lebenswert 1
Herausgegeben von Peters, Jörg et al.
Erschienen Bamberg: C. C. Buchner, 2011
Seitenanzahl 199
ISBN 978-3-7661-6671-5
Geeignet für Niedersachsen
Rezensiert von Klose, Daniel, Nicole Kupka und Tiffany Powell (Studierende), 7. November 2012
Projekt Justus-Liebig-Universität Gießen, Sommersemester 2012, Schulbücher im Ethik- und Philosophieunterricht

Rezension von Klose, Daniel, Nicole Kupka und Tiffany Powell (Studierende)


Einleitung
Die Schule hat eine wichtige Aufgabe, darin bestehend, Kinder und Jugendliche an (ethische) Werte und Normen heranzuführen. Das Lehrwerk „Lebenswert 1“ versucht zur Erfüllung dieser bedeutenden Aufgabe beizutragen und möchte junge Schülerinnen und Schüler auf dem Weg des Erwachsenwerdens unterstützen. Daher greift das der Rezension zugrundeliegende Schulbuch „Lebenswert 1“, dem Lehrplan entsprechend das eigene Ich, das Miteinander innerhalb der Gesellschaft und den Umgang mit Fremden als Themen auf. Die Schülerinnen und Schüler erhalten durch das Schulbuch „Lebenswert 1“ die Aufgabe, die zur eigenen Entwicklung beitragenden Fragen an ein lebenswertes Leben individuell beantworten zu können. Dies ist der hohe Anspruch, welchen sich „Lebenswert 1“ selbst gesetzt hat und der den roten Faden aller fünf Kapitel darstellt. Auf informierendem, spielerischem und kreativem Wege werden die Schülerinnen und Schüler an die Kapitel herangeführt und ihre Neugierde geweckt. Das Zurechtfinden innerhalb der einzelnen Kapitel wird durch farbige Markierungen an den Seitenköpfen gesichert und durch Methodenseiten wird sowohl der Lehrperson bei der Vorbereitung des Unterrichts wie auch den Schülerinnen und Schülern zur besseren Nutzung des Buches verholfen. 

Konzept
Was macht das Leben lebenswert? Dies ist die grundlegende Frage des Buches und das Grundgerüst für das Konzept von „LebensWert 1“. Die Autorinnen und Autoren haben das Bestreben, Schülerinnen und Schüler dahingehend zu unterstützen, dass sie individuell wichtige Aspekte des Lebens kennen lernen und sich mit diesen auseinandersetzen. Insgesamt beschäftigt sich „Lebenswert 1“ mit fünf wichtigen Fragen des Lebens. So steht zu Beginn die Frage nach dem eigenen Ich im Vordergrund. Auf diese folgen in den weiteren Kapiteln Fragen an die persönliche und globale Zukunft, die Moral und Ethik im Hinblick auf das Miteinander, den Umgang mit Fremden und an die Weltreligionen und -anschauungen.
Jedes der fünf Kapitel weist dabei durch die Unterteilung in drei Unterkapitel mit jeweils separaten Punkten die gleiche Struktur auf. Diese Kontinuität wird dadurch fortgesetzt, dass sich jeder separate Punkt eines Unterkapitels über jeweils eine Doppelseite erstreckt und mit einem Aufgabenblock abschließt, sodass alle Materialien zu einer bestimmten Frage auf einen Blick sichtbar sind und nicht hin und her geblättert werden muss. Zudem sind Besonderheiten innerhalb der einzelnen Kapitel, wie z.B. Begriffserklärungen, farbig unterlegt und in der Farbe, die dem Kapitel zugeordnet ist, umrandet. Zusätzlich ist positiv hervorzuheben, dass ein Aktualitätsbezug mit einhergehender Problemorientierung gegeben ist. Dies trifft auch auf die Auswahl der Bilder zu, die sich an der aktuellen Lebenswelt junger Menschen orientiert und dadurch den Schülerinnen und Schülern dazu verhilft, sich mit den einzelnen Themen besser identifizieren zu können.
Für ein noch besseres Hineinfinden in die Themenbereiche wurden themenbezogene Fragen bereits von gleichaltrigen Kindern beantwortet und durch ein entsprechendes Foto visuell unterstützt. Durch die Orientierung jedes Kapitels an einer bestimmten Fragestellung fehlt an dieser Stelle allerdings eine Transparenz ethischer Teildisziplinen, wodurch eine Trennung philosophischer, theologischer und sozialwissenschaftlicher Aspekte nicht direkt erkennbar ist. 

Fachdidaktische Diskussion
Das grundlegende didaktische Konzept von „Lebenswert 1“ zeichnet sich durch eine große Vielfalt an Sozialformen und Handlungsmustern aus. So ist festzustellen, dass die Aufgaben stetig einen Wechsel zwischen Einzel-, Partner- und Gruppenarbeiten aufweisen. Die letzteren beiden Sozialformen dienen dabei unter anderem dazu, den besonderen Aspekt der Empathiefähigkeit aufzugreifen, da für das Gelingen von Partner- und Gruppenarbeiten Integration wie auch gegenseitige Rücksichtnahme unabdingbar sind. Dadurch wird auf praktische Weise unmittelbar an das Thema des Miteinanders angeknüpft, wodurch sich eine Förderung des sozialen Verhaltens und das Kennenlernen einiger moralischen Werte unserer Gesellschaft feststellen lassen. Beispielweise gilt es in dem Spiel „Auf dem Weg zum Erfolg“ (S.32) in Partnerarbeit unter anderem Fragen zur Teamfähigkeit und dessen Funktionen zu beantworten.
Weitere didaktische Prinzipien wie die Multiperspektivität und der Gegenwartsbezug werden in dem Lehrwerk ebenfalls berücksichtigt. Die Multiperspektivität wird anhand von schriftlichen und bildlichen Quellen umgesetzt. Zum Beispiel wird anhand des Zitats: „Einer für alle, alle für einen!“ (S.80) der Mensch in einer Gemeinschaft dargestellt, der er unabhängig von seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts angehört. Die Schülerinnen und Schüler lernen dadurch eine multikulturelle Gesellschaft kennen, die aber auch Gemeinsamkeiten trotz verschiedener Kulturen beinhaltet. Der Gegenwartsbezug wurde genauso erfolgreich umgesetzt, was sich an der Auswahl der Bilder und der verwendeten prominenten Personen erkennen lässt. So wird beispielsweise das Unterrichtsthema „Jeder kann etwas" (S.14f.) in Verbindung mit Harry Potter dargestellt, wodurch die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler geweckt wird.
Die Anordnung der Texte und die dazugehörigen Aufgaben lassen eine Progression erkennen, wodurch die Möglichkeit einer neuen Anordnung durch die Lehrkraft für die Bearbeitung der Texte und Aufgaben nicht gegeben ist. Dies kann als Nachteil für die Lehrperson gesehen werden, da sie in ihrer Herangehensweise an das Thema eingeschränkt wird. Auf der anderen Seite ist durch diese klare Übersicht ein gutes Zurechtfinden auf Seiten der Schülerinnen und Schüler gegeben, da sich die einzelnen Fragen explizit auf die Texte beziehen, die auf derselben Doppelseite wie die Fragen zu finden sind. Zudem bauen die Aufgaben aufeinander auf, was daran zu erkennen ist, dass mit Fragen nach dem Vorwissen begonnen, mit Aufgaben zur Erschließung des Problems fortgefahren und mit Aufgaben zu einer kritischen Urteilsbildung geendet wird, sodass sich ein klarer Lösungsweg erkennen lässt. Vorgenommen wird dies sowohl durch unspezifische W-Fragen als auch durch Operatoren, wobei Fragen nach der eigenen Meinung, wie zum Beispiel „‘Wer ein Vorbild ist, darf sich keine Fehler erlauben!‘ Wie steht ihr zu dieser Forderung?“, wie auch kreative Aufgaben, dadurch kenntlich gemacht sind, dass die Aufgabennummern grau sind. Dieser Aufgabentyp lässt sich aber nicht auf jeder Doppelseite finden.
Ein negativer Aspekt in Bezug auf die Aufgabenstellungen lässt sich darin sehen, dass auf die Binnendifferenzierung leider nicht Rücksicht genommen wird, da die Aufgaben keine Variationen bieten und jede Schülerin und jeder Schüler den gleichen Anforderungen unterliegt. Positiv ist dagegen wieder hervorzuheben, dass im Rahmen der aktuell diskutierten Handlungs- und Problemorientierung sich unter anderem in den Themenbereichen vom Leben in einer Gemeinschaft und der Multikulturalität eine Problemthematisierung feststellen lässt. Die Schülerinnen und Schüler erhalten zum Beispiel die Aufgabe, sich zu überlegen, was eine Gemeinschaft ausmacht und wie sie mit Unterschieden innerhalb einer Gesellschaft umgehen sollte. Besonders ist in diesem Zusammenhang das zweite Kapitel hervorzuheben, das die Frage nach der Zukunft behandelt. So müssen sich die Schülerinnen und Schüler überlegen, welches Handeln eine positive Zukunft fördert. Dazu werden zur praktischen Anregung ein Projekt einer Schule und andere praktische Ideen wie „Die Eine-Welt-Kiste“ (S.59) vorgestellt.

Texte und Materialien
Die Autorinnen und Autoren haben sich bei der Wahl der Texte hauptsächlich auf informierende und problemorientierte Texte beschränkt, wobei diese in ihrer Art sehr unterschiedlich sind, sodass das Interesse der Schülerinnen und Schüler gehalten werden kann. So werden neben Sachtexten auch Geschichten, Berichte, Gespräche, Lieder, Gedichte, (philosophische) Zitate und Fotostorys benutzt. Dadurch erhalten die Schülerinnen und Schüler Einblicke in die Vielfalt von Textsorten und werden in ihrer Textbearbeitung kompetenter, was positiv im Hinblick auf die Schulung des Text- und Leseverständnisses anzumerken ist. Hinsichtlich der Jahrgangsstufe (5./6.) sind die Texte teilweise etwas zu lang, wohingegen bei der sprachlichen Verständlichkeit wie auch bei der Auswahl der Texte, die das aktuelle Zeitgeschehen aufgreifen, auf das Alter der Zielgruppe geachtet wurde. Neben dem aktuellen Zeitgeschehen werden aber auch altersspezifische, historische Kinderfiguren wie zum Beispiel Pippi Langstrumpf und Figuren der Brüder Grimm herangezogen. Dabei ist das Verhältnis zwischen Text und Bildern ausgewogen, sodass das Arbeiten mit dem Buch als angenehm empfunden werden kann und keine Reizüberflutung gegeben ist.
Anzumerken ist, dass sich „Lebenswert 1“ trotz der Aufgabe der Schule, die Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern zu fördern, sehr wenig auf Internetmaterialien konzentriert. So sind Anweisungen zur Internetrecherche nur im Rahmen von einzelnen Aufgabenstellungen zu finden und über die im Sachregister aufgeführten Internetseiten lassen sich keine weiteren nützlichen Informationen recherchieren. Lediglich die Angabe der Autorin oder des Autors bzw. einer Quelle unter einem Text können daher als Anstoß für die Suche nach weiteren Informationen gesehen werden, sodass ein Mangel hinsichtlich der Förderung der Medienkompetenz und der Informationen zur weiteren Recherche festzustellen ist.
Das Konzept von „Lebenswert 1“ stellt ethische Fragen an oberste Stelle, deren Beantwortung durch die angebotenen Materialien und deren neutrale Position eigenständig möglich ist. Daher ist es auch nicht negativ anzumerken, dass es, neben Arbeits- und Lösungsblättern, die durch den Verlag zum kostengünstigen Erwerb online zur Verfügung stehen, zu dem Buch keine weiteren Begleitmaterialien gibt. Vor dem Hintergrund, dass die didaktisch-methodische Vielfalt zum Erarbeiten der Lerninhalte eine hohe Bedeutung für die Autorinnen und Autoren hat, ist eine aufgeführte Methodenübersicht am Ende des Lehrwerks nicht zu vernachlässigen. In dieser Übersicht werden die Methoden erläutert, die zur Erarbeitung einzelner Aufgaben für sinnvoll gehalten werden. Zudem ermöglicht diese es sowohl der Lehrperson, sich an den Methoden zu orientieren, als auch den Schülerinnen und Schülern, sich über die angewandte Methode zu informieren. Bei diesen Methoden handelt es sich zum Beispiel um die Herangehensweise einer richtigen Bildbeschreibung, die Durchführung eines Gedankenexperiments, die Vorteile und Varianten einer Diskussion u.v.m.

Fachwissenschaftliche Aktualität
Das Schulbuch „Lebenswert 1“ orientiert sich als Länderausgabe an den Inhalten des Niedersächsischen Lehrplans. Zu erkennen ist dies an der Formulierung „Fragen nach [...]“, die sich sowohl im Lehrplan als auch im Inhaltsverzeichnis wiederfinden lässt. Im Fach Ethik ist eine vielschichtige Herangehensweise aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft unabdinglich. Themen wie Religion, Politik und Natur spielen eine wichtige Rolle für die Bildung ethischer Wertvorstellungen. Für eine höhere Bandbreite an Informationen wird daher von den Autorinnen und Autoren eine philosophische, religionswissenschaftliche, sozialwissenschaftliche oder naturwissenschaftliche Herangehensweise bzw. Perspektive verwendet, wobei diese teilweise einen flüssigen Übergang und keine klare Trennung untereinander aufweisen.
Ein Schwerpunkt des Schulbuches „Lebenswert 1“ ist die multikulturelle Gesellschaft. Sowohl durch das fünfte Kapitel als auch durch Bilder, Textquellen und Interviews von Kindern und Jugendlichen verschiedener Nationalitäten und Kulturen wird auf die Heterogenität in der Schulklasse aufmerksam gemacht und die Empathiefähigkeit gestärkt. Es wird auf Unterschiede und Problematiken verschiedener Kulturkreise hingewiesen und zum kritischen Hinterfragen angeregt. Grundsätzlich wird das Konzept einer multikulturellen Gesellschaft konsequent berücksichtigt, sodass die Durchsetzung der geforderten Lernziele ermöglicht wird.

Fazit
Abschließend lässt sich über das Schulbuch „Lebenswert 1“ sagen, dass es sich hervorragend in den Ethikunterricht der 5. und 6. Jahrgangsstufe einbetten lässt. Die Lehrinhalte wurden von den Autorinnen und Autoren inhaltlich interessant, altersentsprechend und didaktisch korrekt ausgewählt, und auf die altersbedingten typischen Probleme der Schülerinnen und Schüler, wie zum Beispiel die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, wird ideal eingegangen. Zudem verfügt „Lebenswert 1“ über eine große Abwechslung an Methoden und motiviert somit dazu, die Themen mit Interesse zu verfolgen. Zusätzlich lernen die Schülerinnen und Schüler sich selbst und den Umgang mit anderen kennen. Es ist daher auf der wissenschaftlichen und methodischen Ebene, abgesehen von der nicht eindeutigen Trennung der ethischen Teildisziplinen, kein negativer Aspekt zu nennen. Lediglich auf der kompetenzorientierten Ebene fällt die Vernachlässigung der Medienkompetenz auf. Die Schülerinnen und Schüler der heutigen Zeit sind von neuen Medien umgeben, sodass die Förderung dieser Kompetenz nicht außer Acht gelassen werden darf. Dies ist eine der Aufgaben des heutigen Unterrichts und sollte deswegen auch durch den Ethikunterricht gefördert werden.


Lizenz: CC BY-ND 4.0 Lizenz „Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ (CC BY-ND 4.0)


Info Zitation Klose, Daniel, Nicole Kupka und Tiffany Powell. Rezension zu: Lebenswert 1 von Peters, Jörg et al. (Hg.). Bamberg: C. C. Buchner 2011, ISBN 978-3-7661-6671-5, Edumeres 2012, http://edu-reviews.edumeres.net/en/reviews/reviews/klose-daniel-nicole-kupka-und-tiffany-powell/, zuletzt geprüft am 15.10.2019.