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Sozialkunde / Politik, Wirtschaft, 7./8. Schuljahr, Gymnasium

Politik entdecken – Politik – Wirtschaft Gymnasium Niedersachsen

Politik entdecken – Politik – Wirtschaft Gymnasium Niedersachsen
Herausgegeben von Berger-von der Heide, Thomas et al.
Erschienen Berlin: Cornelsen, 2016
Seitenanzahl 136
ISBN 978-3-06-240000-1
Geeignet für Niedersachsen
Rezensiert von Sagvosdkin, Valentin (Student), 20. July 2018

Rezension von Sagvosdkin, Valentin (Student)


Einleitung
Zentrale fachliche Prinzipien politischer Bildung wurden im Beutelsbacher Konsens bereits in den 1970er Jahren formuliert: Das Überwältigungsverbot untersagt, Schüler*innen an der Gewinnung eines selbständigen Urteils zu hindern. Das Kontroversitätsgebot sieht vor, dass Inhalte, die in Gesellschaft und Politik kontrovers diskutiert werden, auch im Unterricht kontrovers behandelt werden sollen: „denn wenn unterschiedliche Standpunkte unter den Tisch fallen, Optionen unterschlagen werden, Alternativen unerörtert bleiben, ist der Weg zur Indoktrination beschritten.“[1]. Eine Schülerorientierung soll Lernende befähigen, eine politische Situation sowie eigene Interessenlagen zu analysieren.
Die Analyse des wirtschaftlichen Themenbereichs „Konsumentscheidungen Jugendlicher“ im Lehrwerk „Politik entdecken“, die ich im Rahmen einer Forschungsarbeit durchgeführt habe, hat gezeigt, dass diese Prinzipien nicht angemessen berücksichtigt werden: Es finden sich zahlreiche politisch als neoliberal einzuordnende Darstellungen, die nicht als solche gekennzeichnet oder reflektiert werden sowie eine kontroverse Auseinandersetzung bzw. die Darstellung alternativer Standpunkte in ausreichendem Maße missen lassen. Im Folgenden wird diese Problematik anhand eines Beispiels erklärt.

Gliederung des Themenbereichs

Das Buch ist in die drei Themenbereiche „Politische Entscheidungsprozesse im Nahbereich“, „Konsumentscheidungen Jugendlicher“ und „Recht und Gerechtigkeit“ untergliedert, die jeweils Politik, Wirtschaft und Recht behandeln. Der Wirtschaftsteil umfasst die Themen Bedürfnisse (64f.), Fragen nach dem Wirtschaften (66f.), Geld (68), Einkommen (70), Markt (74f.), Konsum (Werbung, Bedürfnisse, Marketingstrategien) (80f.), Marken (88f.), Verbraucherschutz (92f.), rechtliche Rahmenbedingungen wie Kaufverträge (94f.), Schulden (98f.) sowie eine Zusammenfassung (100-101).

Analysekriterien

Anlehnend an eine aktuelle Studie zur Beeinflussung in VWL-Lehrbüchern [2] werden Begriffe und Methoden aus den Kognitionswissenschaften als Raster herangezogen: Selektives Framing, d.h. gedankliche Deutungsrahmen können bestimmte Fakten und Realitäten hervorheben und andere gedanklich unter den Tisch fallen lassen und so unbewusst beeinflussen. Insbesondere, wenn keine multiperspektivische Darstellung erfolgt, kann es zu Hypokognition kommen, d.h. den Wegfall von Ideen durch einen Mangel an sprachlicher Umsetzung. Anders gesagt: Aspekte, die in Diskursen nicht gesagt werden, werden auch nicht (mehr) gedacht. Kognitive Pluralität benötigt stattdessen sprachliche Pluralität. Metaphorisches Mapping schließlich beschreibt, wie abstrakte Ideen etwa durch die Anbindung an körperliche Erfahrungen „denkbar“ werden. Ein Bild wird von einer Quelle auf ein Ziel übertragen (Beispiel: „Wir müssen die Wirtschaft ankurbeln“. Quelle = Motor, Ziel = die Wirtschaft). Metaphorisches Mapping kann unbewusst das Denken strukturieren und für ideologische Zwecke verwendet werden [3].
Als weitere Ebene der Analyse dienen Denkmuster, die als neoliberal bzw. marktfundamental verstanden werden können [4]: Es wird die Existenz eines Marktes postuliert, der in Gegensatz zu einem Nicht-Markt gesetzt wird. Der Markt wird sprachlich idealisiert, d.h. mit positiven Begriffen in Verbindung gebracht (Effizienz, Effektivität), er soll frei von „Eingriffen“ durch den Nicht-Markt (etwa dem Staat) sein. Dabei werden empirisch vielfältige oder spezifische Märkte zu einem Prototyp eines Marktes zusammengefasst und Markt-Gesetze mit globaler Geltung benannt. Ausgeklammert werden die Verflechtung der Gesellschaft mit wirtschaftlichen Prozessen, vor allem soziale Aspekte, Geschichte, Institutionen, Normen, die meisten Regeln, Hierarchien, Rollen, Identitäten, Kommunikationsprozesse unter Menschen. Ein typisches Beispiel ist die unreflektierte Verwendung des Modells von Angebot und Nachfrage: Die Begriffe „Marktgleichgewicht“ oder „Gleichgewichtspreis“ lassen den „Markt“ als handelndes Subjekt erscheinen und klammern aus, dass es vielfach kein abstrakter Markt, sondern Menschen oder Konzerne mit Monopolstellung sind, die Preise bestimmen, die für manche Vorteile, für andere Menschen aber Nachteile bringen.

Exemplarische Analyse marktfundamentaler Muster im Schulbuch

Im Kapitel „Wir führen eine Pro-und-Kontra-Diskussion“ (78-79) zeigt eine Abbildung einen Klassenraum mit einem Lehrer, einem Schüler und einer Schülerin. Auf der Tafel steht die Frage: „Gibt es Grenzen für das Marktprinzip?“ Die Sprechblase der Schülerin auf der einen Seite verkündet: „Der Markt regelt es am besten“, beim Schüler auf der anderen Seite heißt es: „Der Staat regelt es am besten“ (78). Der Markt und der Staat werden grafisch und sprachlich dual-antagonistisch gegenüber gestellt. Neben einer Checkliste für den Ablauf der Diskussion gibt es als einzige Grundlage einen Text aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, den die Schüler*innen für die Vorbereitung nutzen sollen. Im ersten Viertel des Textes wird der Markt gepriesen: „Wenige Dinge werden so verteufelt wie die Kommerzialisierung. Dabei kann das Prinzip, für eine Sache Geld zu verlangen, überaus segensreich sein.“ (79). Welche Frames werden hier genutzt? Es sind zwei religiöse Metaphern – verteufeln und segensreich. Wer eine Sache verteufelt, ist von irrationalen Ängsten gesteuert und noch nicht in der modernen Welt angekommen. Segensreich hingegen verbindet die Worte Reich (Wohlstand, Zufriedenheit, Überfluss) und Segen: Wer gesegnet ist, wird von einer höheren Macht (Gott) beschützt. Kritiker*innen der Kommerzialisierung (= Ziel) werden mit der Metapher des Verteufelns (irrationale Ängste zu haben) (= Quelle) belegt, während die Kommerzialisierung (= Ziel) mit dem Bild des Segens (Wohlstand etc) ( = Quelle) aufgeladen wird. Es lohnt sich den folgenden Abschnitt ganz zu zitieren:
„Bestes Beispiel ist das Wasser in vielen Entwicklungsländern: Wo es kostenlos abgegeben wird, führt das zur Verschwendung. Und niemand investiert in neue Rohre und Leitungen. Wo es aber gelingt, für Wasser Geld zu nehmen, funktioniert die Wasserversorgung auffällig besser. Ökonomen sagen, es entsteht ein Markt mit Angebot, Nachfrage und einem Preis – das führt zu einer effizienteren Nutzung knapper Ressourcen wie Wasser. In ganz vielen Bereichen des Lebens ist das so.“ (79).
Abgesehen davon, dass es eine diskriminierende Unterstellung ist, dass Menschen in Entwicklungsländern kostenloses Wasser verschwenden, gibt es hier gleich mehrere falsche Behauptungen: Dass sich niemand um die Instandhaltung der Versorgung kümmert, wenn Wasser nicht kommerzialisiert ist (treffender wäre: privatisiert, da von dem Entstehen eines Marktes die Rede ist), ist ein starkes Beispiel für Hypokognition (Verschweigen) und gleichzeitig eine falsche Aussage. Selbstverständlich ist Wasserversorgung in staatlicher Hand möglich. Eine zweite Frage wäre dann, welche Wasserversorgung am sinnvollsten und besten im Sinne des Gemeinwohls ist. Aus Sicht eines Konzerns, der Gewinnmaximierung anstrebt, ist es logisch, Preise zu erhöhen und möglichst wenig in die Qualität der Infrastruktur zu investieren. Es können zahlreiche Beispiele angeführt werden, die zeigen, dass genau das geschieht und privatisierte Wasserversorgung daher für die Verbraucher nicht besser funktioniert [5]. Und selbst wenn es Beispiele gut funktionierender privater Wasserversorgung gibt, wird hier so getan, als sei private die einzig mögliche und kommerzielle die einzig sinnvolle Wasserversorgung.
Nach diesem Einstieg stellt der Text die Frage nach den Grenzen des Marktprinzips: „Gleichwohl wirft der Siegeszug des Markt-Prinzips die Frage nach den Grenzen auf“ (79). Das Wort Siegeszug aktiviert einen Kampf-Frame, es wird suggeriert, dass sich das beste Prinzip durchgesetzt hat. Die Frage nach Grenzen vermittelt zudem, dass das Markt-Prinzip als solches gilt und dann irgendwann an eine Grenze stößt. Das Markt-Prinzip selbst kann hier also nicht hinterfragt werden. Der Text wendet somit selektives Framing an: Weitgehend wird innerhalb des Rahmens „Marktprinzip“ gedacht und argumentiert. Sodann wird diese Grenze sehr weit gezogen, indem als einziges klares Beispiel Sklavenhandel benannt wird: „Das Prinzip der Menschenwürde schlägt das Markt-Prinzip“ (79). Anschließend heißt es: „Komplizierter wird es bei [Körper-]Teilen von Menschen.“ (79). Es wird ein Organspende-Skandal thematisiert. Als Pro-Kommerzialisierungsargumente werden angeführt, dass es einen „gewaltigen Mangel an Spenderorganen gibt“ (79), 40.000 Menschen in der EU auf eine Niere warten, viele Menschen sterben und es daher „kein Wunder“ sei, dass sich ein Schwarzmarkt etabliert hätte (79). Dennoch positioniert sich der Text anschließend deutlich gegen einen Markt für Organe, indem zwei Argumente gegen den Kommerz angeführt werden: Die Problematik, dass Arme dann noch schlechter dastünden und ein Recht auf Leben nicht (ver)käuflich sein sollte sowie der Verlust von Würde und Respekt als Rückwirkung der Bepreisung auf die Gegenstände. Damit ist impliziert, das abgesehen von Sklavenhandel und Organhandel (wobei letzteres diskussionswürdig sei) das Markt-Prinzip gilt.
Nach diesem Textauszug werden die Schüler*innen angeleitet, sich auf die Pro- und Contra-Diskussion vorzubereiten, indem sie Kleingruppen bilden, den Text erarbeiten, wichtige Argumente aus dem Text notieren und weitere Beispiele sammeln. Wie oben gezeigt, wird die Diskussion jedoch durch das Markt-Prinzip selektiv gerahmt, das selbst nicht in Frage gestellt werden kann. Die Aufgabenstellung bietet auch keine Hilfestellung zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Text, es sollen lediglich „weitere Beispiele“ gesammelt werden. Im Text ist kein einziges Argument für den Staat zu finden (auch nicht beim Thema Organspende), er taucht sprachlich nicht einmal auf (Hypokognition). Dagegen wird das Wort Markt (bzw. Märkte) acht Mal verwendet. Im Sinne der Erkenntnisse aus den Kognitionswissenschaften wird hier also der selektive Frame des Marktes immer wieder wirksam aktiviert, unabhängig davon, ob (vermeintliche) Gegenargumente genannt werden [6].

Fazit
In dem Schulbuch „Politik entdecken“ finden sich im Themenbereich „Konsumentscheidungen Jugendlicher“ in hohem Maße marktfundamentale Muster wieder. Die Darstellungen beschränkten sich fast ausschließlich auf die Vermittlung entsprechender Theorien zu Markt-Prinzip, Wettbewerb und Preisbildung. Auch das Kapitel über fairen Handel vermag die einseitige Vermittlung nicht auszugleichen, weil zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Fairtrade angeregt wird, statt mit dem Markt-Prinzip.
Die exemplarische Analyse des Texts zur Pro-Contra-Diskussion zeigt, dass überwiegend marktfundamentale Sichtweisen behandelt, diese nur anhand von Extrembeispielen (Sklavenhandel, Organhandel) relativiert und Argumente für den Staat komplett ausgeblendet werden, obwohl sie Teil der Diskussion sein sollen. Dies hebelt auch das etwaige Argument aus, dass die Themen für Schüler*innen nicht „zu komplex“ sein sollten, wird doch in der Überschrift der Pro-Contra-Diskussion zunächst explizit auf den Staat verwiesen. Wirtschaftliche Organisation jenseits der neoliberalen antagonistischen Gegenüberstellung Markt vs. Staat fallen komplett aus der Darstellung (etwa Commons, Gemeingüter).
Diese Kritik will weder eine absichtsvolle einseitige Darstellung unterstellen noch über die Qualität der anderen Kapitel urteilen. Eine reflektierte und kritische Überarbeitung einiger Abschnitte des Themenbereichs „Konsumentscheidungen Jugendlicher“ würden dem Schulbuch jedoch guttun.

Weiterführender Hinweis
Eine umfangreiche Forschungsarbeit zum Thema „Ökonomisches Unterrichtsmaterial unter der Lupe“ sowie ein wissenschaftlich ausgearbeitetes Analyseraster für Schulbücher sind in Arbeit und werden 2018 beim Institut für Ökonomie der Cusanus Hochschule veröffentlicht.
Es werden auch Fortbildungen für Lehrer*innen angeboten.
Ansprechperson: Marcel Beyer
marcel.beyer@remove-this.cusanus-hochschule.de
www.cusanus-hochschule.de
 

Literatur:
[1] Wehling, Hans-Georg (1977): Das Konsensproblem in der politischen Bildung. In: Siegfried Schiele/Herbert Schneider (Hrsg.) Stuttgart 1977, S.179/180. Zitiert aus: www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens (zuletzt gesichtet 14.9.2017).
[2] Graupe, Silja (2017): Beeinflussung und Manipulation in ökonomischen Lehrbüchern. Düsseldorf: FGW – Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung e.V. www.fgw-nrw.de/fileadmin/user_upload/NOED-Studie-05-Graupe-A1-komplett-Web.pdf zuletzt gesichtet: 8.9.2017)
[3] Wehling, Elisabeth (2016): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Herberg von Halem Verlag. S. 42, 64, 68, 70
[4] Ötsch, Walter O. (2009): Mythos MARKT. Marktradikale Propaganda und ökonomische Theorie. Marburg: Metropolis; Ötsch, Walter Otto; Pühringer, Stephan; Hirte, Katrin (2017): Netzwerke des Marktes. Ordoliberalismus als Politische Ökonomie. Wiesbaden: Springer.
[5] Loewe, Jens (2010): Water Ablaze. The contamination and commercial exploitation of a reare and vital resource. Stuttgart: Verlag-NWWP
[6] Lakoff, Georg (2008): The political mind. A cognitive scientiest’s guide to your brain and its politics. New York/London et al: Penguin, S. 233


Lizenz: CC BY-ND 4.0 Lizenz „Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ (CC BY-ND 4.0)


Info Zitation Sagvosdkin, Valentin. Rezension zu: Politik entdecken – Politik – Wirtschaft Gymnasium Niedersachsen von Berger-von der Heide, Thomas et al. (Hg.). Berlin: Cornelsen 2016, ISBN 978-3-06-240000-1, Edumeres 2018, http://edu-reviews.edumeres.net/en/reviews/reviews/sagvosdkin-valentin/, zuletzt geprüft am 17.11.2018.

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