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Religion, 7./8. Schuljahr, Gymnasium

Spurenlesen 2

Spurenlesen 2
Herausgegeben von Büttner, Gerhard
Erschienen Braunschweig: Diesterweg, 2008
Seitenanzahl 248
ISBN 978-3-425-07813-7
Geeignet für Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen, Saarland, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Hamburg, Bremen, Brandenburg, Berlin, Thüringen
Rezensiert von Beyer, Melanie (Studentin), 12. Dezember 2013
Projekt Philipps-Universität Marburg, Sommersemester 2013, Die Darstellung religiös-weltanschaulicher Diversität im Schulbuch

Rezension von Beyer, Melanie (Studentin)


Einleitung
Der Klassenraum ist ein Abbild der Gesellschaft und er spiegelt die religiöse und weltanschauliche Vielfalt wider. So ist es nicht verwunderlich, dass der Islam Eingang in die Schulbücher des Religionsunterrichtes gefunden hat. Doch wie wird diese Religion dargestellt? Auf welche Inhalte wird Wert gelegt und mit welcher Absicht? Diesen Fragen soll bei der Rezension des Kapitels über den Islam im Schulbuch „SpurenLesen 2“ nachgegangen werden, welches für den evangelischen Religionsunterricht der Klassen 7 und 8 im Gymnasium konzipiert ist.
Das 17-seitige Kapitel zum Islam befindet sich am Ende des Schulbuchs, welches sich vielfältig mit Fragen der eigenen christlichen Tradition, aber auch mit jüdischen Glaubensfragen beschäftigt. Es trägt den Titel: „Das Geheimnis des Islam“ (S. 121). Im Anhang „Wissen und Können“ („WuK“, S. 190), der ein strukturiertes, didaktisches Konzept erkennen lässt, befinden sich weitere 15 Seiten mit Arbeitsmaterialien, Aufgaben, Arbeitsanweisungen und Zusatzinformationen zum Thema Islam. Wie das Hauptkapitel ist der Anhang in sechs Unterkapitel gegliedert, in denen Bilder den Inhalt visualisieren und verdeutlichen. Hauptkapitel und Anhang verweisen mit präzisen Seitenangaben aufeinander, was innerhalb des Buches eine sehr gute Orientierung ermöglicht.
Die Lehrermaterialien bieten zusätzliche Informationen, z.B. Landkarten, Kalligraphien, Grundrisse von Moscheen und eine Tabelle der fünf Säulen zum Ausfüllen. Insgesamt werden elf Zusatzmaterialien bereitgestellt. Dazu gibt es Literaturhinweise am Ende eines jeden Unterkapitels der Lehrermaterialien, wo in  Form von Überprüfungsfragen eine Ergebnissicherung vorgenommen wird. Die Lehrermaterialien werden mit didaktischen Überlegungen und Anregungen für die Unterrichtsgestaltung komplettiert. Wie im Schulbuch ist die Struktur synchron und übersichtlich.
Lobenswert sind die verständlich und logisch positionierten Arbeitsmaterialien an thematisch passenden Stellen und die Verständnisfragen an die Schüler am Ende eines jeden Unterkapitels des Schulbuches. Durch die Vielseitigkeit in Thematik und Methodik kann der Unterricht abwechslungsreich gestaltet werden und die Schüler können durch Gruppenarbeiten oder kreative Eigenbeschäftigung, eigene Recherche, Bildbetrachtungen, Diskussionen, Besuche, Vergleiche oder das Erstellen von Mind-maps zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsthema angeregt werden.

Die Behandlung des Themas „Islam“
Der Titel „Das Geheimnis des Islam“ suggeriert, dass es sich beim Islam um etwas Geheimnisvolles und Unbekanntes handelt, das entdeckt werden will. Dies weckt zwar Neugier, schafft aber  gleichzeitig Distanz. Bilder der Fotoreihe „Women of Allah“ der iranischen Künstlerin Shirin Neshat rahmen das Islam-Kapitel. Die von Neshat zum Thema Gewalt und Sexualität konzipierten Bilder werden im Schulbuch zu Symbolen von Stille und Friedfertigkeit umgedeutet. Diese Interpretation der Bilder findet sich ausschließlich in den Erklärungen des Lehrermaterials. Auf die primäre Intention der Künstlerin wird an keiner Stelle eingegangen. Um diese zu erfahren, müssten andere Quellen, z.B. im Internet, befragt werden.
Einen ersten Eindruck vom Islam erhalten die Schüler durch Beiträge der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel, die zu Beginn des Kapitels in zwei Texten von ihrer ersten Begegnung mit dem Islam in einem Märchenbuch und ihrem Besuch der Hagia Sophia erzählt. Nach und nach wird das Wissen bis zu der Erkenntnis vertieft, dass der Islam eine wichtige Religion innerhalb der eigenen Gesellschaft ist. Muslime, vorwiegend mit wissenschaftlichem oder künstlerischem Hintergrund, erzählen von ihren persönlichen, religiösen Erfahrungen, so z.B. Abdellah Hammoudi (im Abschnitt „Die fünf Säulen des Glaubens“) über seine Pilgerfahrt nach Mekka, oder Abdelwahhab Meddeb (im Abschnitt „Der Koran“) von seiner Beziehung zur Sprache des Koran, die er als seine „Vatersprache" beschreibt. Dass der Koran mit seiner außergewöhnlichen Sprache ein wichtiges Element des Islam ist, wird damit auf unaufdringliche Art und Weise vermittelt.

Texte
Bemerkenswert ist, dass der überwiegende Teil der Autoren des Islam-Kapitels in „SpurenLesen2“ Muslime sind, die im Westen (USA, Frankreich, Deutschland) leben. Dies lässt darauf schließen, dass ein hauptsächlich liberales Bild vom Islam vermittelt werden soll. Möglicherweise soll dadurch auch deutlich werden, dass Muslime in der eigenen Kultur leben, was eine Nähe schaffen und Vertrautheit herstellen soll. Der Islam soll als etwas verstanden werden, was zur eigenen Kultur und Gesellschaft dazu gehört. Auf der anderen Seite wird die Vielfalt islamischer Glaubenspraxis schlecht dargestellt. Das Spektrum von strenger Religiosität, wie sie möglicherweise in arabischen Staaten gelebt wird, wird außen vorgelassen. Als Nichtmuslime schreiben die bereits erwähnte Annemarie Schimmel und das Autorenteam Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel, das in den Abschnitten „Die fünf Säulen des Glaubens“ und „Regeln und Konflikte“ im Alltag mit jeweils einem Beitrag vertreten ist. Diese beiden Beiträge („Ramadan im Döner-Imbiss“ und „Was hält Allah von der Playstation?“) weichen in ihrer Art deutlich von den übrigen ab. Sie wirken unreflektiert, vereinfachend und fast polemisierend, z.B. heißt es: „Wahrscheinlich haben aber die Attentäter des 11. September 2001 ihre Flugzeuge in aller Ruhe in das World Trade Center gesteuert. Sie waren überzeugt, direkt ins Paradies zu gelangen“ (S. 135). Diese Aussage erweckt den Anschein, als könnten die Autoren die Anschläge ganz einfach erklären. Die Sprache der Texte ist kindlicher gehalten als im Rest des Buches, und es ist fraglich, ob dies dem sprachlichen Anforderungsniveau einer 7. oder 8. Klasse entspricht. Die Beschäftigung mit islamistischer Gewalt ist schwierig und wichtig, allerdings ist die Banalität, mit der das Thema hier abgehandelt wird, unpassend.
Im Abschnitt „Der Prophet Muhammad“ wird Muhammad in seiner Bedeutung als Empfänger der Schrift eingeführt. Herangezogen werden hier Koran-Kommentare des melkitisch-katholischen Priesters Adel Theodor Khoury, der sich als Religionswissenschaftler in Münster für die Verständigung zwischen Christentum und Islam eingesetzt hat. Auffällig in diesem Unterkapitel, wie auch im Abschnitt „Der Koran und die Bibel“, ist das Bemühen, Parallelen zum Christentum zu ziehen. Koransuren, die den monotheistischen Charakter des Islam betonen, werden christlichen Dogmen gegenübergestellt und die Begriffe Moschee und Kirche, Jesus und Muhammad, Shahada und Glaubensbekenntnis sowie Sure 1 (al-fatiha) und Vaterunser werden verglichen. In den Lehrermaterialien wird dezidiert dazu angehalten, den Schülern über diese Vergleiche Zugang zu den neu zu erlernenden Begriffen zu verschaffen. Diese Vergleiche schaffen auf der einen Seite einen Zugang zu der neuen Religion, da an bekannte Strukturen angeknüpft werden kann. Die Vergleichsfolie des Christentums passt dabei jedoch selten. Der Islam ist durch eine völlig andere Struktur von Rechtsschulen und dem Aufbau religiöser, hierarchischer Strukturen schwer mit christlichen Inhalten zu vergleichen, zumal es auch zwischen den christlichen Konfessionen gravierende Unterschiede gibt. Welche Strömungen zu Vergleichen herangezogen werden, scheint dabei beliebig und unreflektiert.
Der Schüler erfährt, dass Maria (denn es wird davon ausgegangen, dass durch die christliche Tradition den Schülern Maria bekannt ist) auch im Koran als Mutter von Jesus und Jesus als wichtiger Prophet genannt werden, auch wenn dieser nicht als göttlich gilt. Zudem werden die wichtigen Fachtermini „Leute des Buches“ und „Siegel der Propheten“ im Schulbuch verwendet und an passenden Stellen, auch wieder in Bezug zur vermeidlich eigenen Religion, gut vermittelt.
Der Verlag hat darauf verzichtet, von den „fünf Säulen des Islam“ zu sprechen und dem entsprechenden Abschnitt den Namen „Die fünf Säulen des Glaubens“ gegeben, um auf die Lebenswelt praktizierender Muslime Bezug zu nehmen. Im Beitrag „Ramadan im Döner-Imbiss“ werden mit dem Fastengebot und der Almosengabe zwei dieser Säulen angesprochen. Diesem Beitrag vorausgehend werden das Glaubensbekenntnis und die Person Mohammad behandelt. Ein separater Abschnitt, der mit Koransuren erläutert wird, ist dem Gebet gewidmet. Das Erschließen der fünf Säulen, die im Anhang „WuK“ zusammengefasst werden, verläuft über die aufeinanderfolgenden Abschnitte intuitiv.
Das umfangreichste Unterkapitel bildet der Abschnitt „Regeln und Konflikte im Alltag“. Dies mag dem Umstand geschuldet sein, dass der Islam im gesellschaftlichen Diskurs eher negativ konnotiert ist und zumeist in Zusammenhang mit Konflikten thematisiert wird. So ist die Zuteilung des Seitenumfangs für diesen Abschnitt durchaus begründbar. Eingeleitet wird mit dem bereits erwähnten Artikel von Janßen/Steuernagel „Was hält Allah von der Playstation?“ Mit Bezug auf die eigene Lebenswelt der Schüler werden hier die Themen Rechtleitung und Scharia angesprochen. Es wird die Frage behandelt, wie Muslime mit Unterhaltungsmedien wie der Playstation umgehen, obwohl darüber doch nichts im Koran steht. Wie bereits erwähnt, ist die Sprache der Autoren allerdings nicht dem Alter der Schüler angemessen. Desweiteren werden die unterschiedlichen islamischen Glaubensrichtungen angesprochen und mit dem Material im Anhang „WuK“ vertieft. Schließlich kommen in den Beiträgen von Necla Kelek und Faiza Guene (S. 136f.) Probleme muslimischer Jugendlicher in Deutschland zur Sprache. Durch die Authentizität der Beiträge, die durch die persönlichen Zeugnisse dieser beiden bekennenden Musliminnen erzeugt wird, wird eine differenzierte Beschäftigung mit dem Thema Islam ermöglicht.

Fazit
Insgesamt wird der Islam im Schulbuch „SpurenLesen2“ und dem dazu gehörigen Lehrermaterial fundiert behandelt. Das methodisch gut aufgebaute und übersichtliche Hauptkapitel wird durch das Zusatzmaterial im Anhang „WuK“ ergänzt. Die Zusatzmaterialien im Lehrerbuch sind ein weiterer Mehrwert. Das Islam-Kapitel „Geheimnis des Islam“ in „SpurenLesen2“ ist eine Bereicherung für den Religionsunterricht. Für einen ersten Einstieg in das Thema Islam kann es für den Unterricht in der 7. und 8. Klasse ohne Bedenken herangezogen werden.