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Ethik / Philosophie, 5./6. Schuljahr, Realschule, Andere Schulart

Fair Play 5/6 – differenzierende Schulformen

Fair Play 5/6 – differenzierende Schulformen
Herausgegeben von Hamraths, Ulrike et al.
Erschienen Paderborn: Schöningh, 2014
Seitenanzahl 218
ISBN 978-3-14-025401-4
Geeignet für Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen
Rezensiert von Dormehl, Daniela Simone, Thorsten Fuchs und Bernd Starossek (Student), 2. September 2015

Rezension von Dormehl, Daniela Simone, Thorsten Fuchs und Bernd Starossek (Student)


Einleitung
Lehrwerke für den Ethik- und Philosophieunterricht zu konzipieren, war für Verlage offenbar geraume Zeit kein sonderlich attraktives Geschäft. Dementsprechend gering war auch die Auswahl auf dem Buchmarkt. Aktuell gehaltene Exemplare waren eher die Ausnahme als die Regel. Viel Text, wenig Bild – das war oftmals der Standard. In jüngster Vergangenheit jedoch sind etliche neue Schulbücher in modernem Gewand und unter Berücksichtigung der grundsätzlichen Ausrichtung an Kompetenzbereichen veröffentlicht worden. Auch der Schöningh-Verlag hat im Jahr 2014 unter dem Titel „Fair Play“ ein neues Schulbuch für die fünften und sechsten Jahrgänge von differenzierenden Schulformen vorgelegt. Das auffallend bunt gestaltete und reich bebilderte Werk versucht der Titelformel „Fair Play“ dabei gleich auf zweierlei Weise gerecht zu werden. Zum einen dadurch, dass die Themen des Lehrwerks nicht etwa vorzugsweise in Einzelarbeit, sondern im gemeinsamen Austausch, im „Nachdenken und Nachfragen“ mit Anderen zusammen behandelt
werden. Das Denken wird auf diese Weise nicht als „Selbstgespräch der Seele“ gestaltet, wie mit Platon zu sagen ist, sondern in Form eines aktiven Miteinanders. Zum anderen wird auch konsequent versucht, ethischen Frage- und Pro­blemstellungen mit spielerischen Zugängen zu begegnen. Neben der bereits erwähnten Kompetenzorientierung sticht damit die Handlungsorientierung in „Fair Play“ hervor.

Aufbau, Konzept und Layout
Das 218 Seiten umfassende, mit einem festen Einband versehene Werk gliedert sich in 13 Kapitel, die wiederum in sieben „Fragenkreise“ zusammengefasst sind. Jedes Kapitel hat eine impulsgebende „Auftaktseite“ im Doppelseitenformat, die den vorhandenen Wissensstand abfragt und erste Eindrücke und Ideen vermittelt. Auch alle weiteren Doppelseiten bilden eine thematische Einheit. Sie folgen einer klaren Struktur, die zur persönlichen Meinungsbildung einlädt, das Hinterfragen bestehender Positionen initiiert und so die Möglichkeit zum Perspektivwechsel bietet. Alle Kapitel enden mit einer Reflexionsseite („Was du weißt und was du kannst“), welche die jeweiligen Themen rekapituliert und über weitere Aufgaben vertiefen soll. Eine Vielzahl unterschiedlicher Aufgabenstellungen innerhalb der Kapitel ermöglicht, sich strukturiert mit dem Wissensaufbau auseinanderzusetzen. Durch die reichhaltige und farbenfrohe Bebilderung entfaltet das Buch zugleich eine sehr lebendige Wirkung. Es werden u. a. Fotografien, Comics, Diagramme und Tabellen (die immer orange hervorgehoben werden und oftmals so angelegt sind, dass sie durch die Lernenden zu ergänzen sind) auf vielfältige Weise arrangiert. Das Verhältnis von Bild und Text ist abwechslungsreich und überwiegend ausgewogen. Allerdings gibt es Doppelseiten, die durch die Fülle der unterschiedlichen medialen Formen eine Tendenz zur Reizüberflutung aufweisen. Die Bilderauswahl ist jedoch durchaus aktuell – die abgedruckten Fotografien zeigen z. B. Sportidole und Musikstars der Gegenwart. Auch ein ausgewogenes Verhältnis in der Abbildung von Mädchen und Jungen wird berücksichtigt. Ein kurzes Glossar am Ende des Schulbuchs soll den Schüler/innen unbekannte Begriffe erklären. Es sammelt als Lemmata philosophische und religiöse Begriffe wie Moral, Verantwortung sowie Werte, Mekka und Rabbiner. Zudem werden Wörter der Alltagssprache wie Smartphone oder Medien erklärt. Ergänzend sind innerhalb der Kapitel farblich abgesetzte „Erkläre es mir“-Kästen eingefügt, die Begriffe und Themen einführen, aber mit zusätzlichen Hinweisen auch kontextuell rahmen (z. B. „Die Goldene Regel“ oder „Was heißt Moral?“). Ein alphabetisch geordnetes Methodenverzeichnis erlaubt einen schnellen Zugriff auf die jeweiligen Buchseiten. Abgeschlossen wird „Fair Play“ schließlich mit einem hilfreichen Register und einem Bildquellenverzeichnis. Negativ aufgefallen ist, dass einige Ausgaben gelegentlich eine schlechte Druckqualität aufweisen. Blaugedruckte Buchstaben auf blauem Grund verschwimmen und erschweren somit das Lesen.

Inhaltliche Gliederung
Jedem der sieben Fragenkreise sind ein bis zwei Kapitel im Umfang von je ca. 12 bis 16 Seiten zugeordnet. Während dabei die „Frage nach dem Selbst“ den Auftakt in „Fair Play“ darstellt, thematisiert der letzte Fragenkreis Vorstellungen zur Schöpfung der Welt und gibt einen Einblick in die drei großen monotheistischen Religionen. Angelegt ist somit eine zunehmende Komplizierung: denn während anfänglich vorrangig Nahbereiche der Schüler/innen – neben dem Selbst auch die Anderen – behandelt werden, sind es gegen Ende die ‚großen‘ philosophischen Fragen nach Wahrheit und Wirklichkeit sowie Zukunft und Sinn. Die dazwischen liegenden Fragenkreise widmen sich z. B. dem guten Handeln, indem hier die Kapitel „Wahrheit und Lüge“ sowie das Verhältnis von „Gut und Böse“ bearbeitet werden. Auch die Frage nach Natur, Kultur und Technik wird gestellt. Mit ihr werden die Schüler/innen eingeladen, sich mit Themen wie Naturschutz, Nachhaltigkeit oder den Mensch-Tier-Beziehungen auseinanderzusetzen. Diese Gliederung mit den Kategorien Individuum, Gesellschaft, Umwelt, Wahrnehmung sowie Ursprung, Zukunft und Sinn folgt dabei Leitperspektiven und Inhaltsfeldern, die u. a. auch das hessische Kerncurriculum für die Sekundarstufe I im Fach Ethik formuliert.

Didaktische Konzeption
In der Thematisierung typischer Alltagserfahrungen von Kindern – wie etwa Streitigkeiten in der Familie und unter Geschwistern oder dem Konsum elektronischer Medien – werden explizite Bezüge zur Lebenswelt hergestellt. Zweifellos wird sich dabei auch bemüht, der für die Fächergruppe Ethik und Philosophie typischen Heterogenität der Schülerschaft gerecht zu werden, indem etwa kulturelle Ausprägungen von Tischsitten und verschiedene Feste der Weltreligionen zum Thema gemacht werden. Selbst in der Namensgebung der fiktiven Protagonisten (z. B. „Meral“, „Hakan“, „Karim“) findet sich die kulturelle Vielfalt ohne Stereotypisierungen wieder. Gleichwohl dominiert im Gesamten besehen doch eine eurozentrische Grundausrichtung. Die Verweise auf literarische Werke (z. B. „Hänsel und Gretel“, „Der Struwwelpeter“, „Der kleine Prinz“) untermauern u. E. diesen Eindruck. Zudem wird zuweilen vorausgesetzt, dass Schüler/innen bereits mit den an verschiedenen Stellen ausschnitthaft präsentierten Märchen und literarischen Werken vertraut sind sowie mitunter weitere Kenntnisse zu deren Handlungsverlauf besitzen. Ähnlich gelagert kommt das dort zum Tragen, wo davon ausgegangen wird, dass die Schüler/innen bereits bestimmte Erfahrungen – wie etwa ein Engagement in sozialen Projekten – gemacht haben. In dieser Hinsicht wird also nicht unbedingt unmittelbar und überzeugend an die Lebenswirklichkeit der Kinder angeschlossen. Die Themenwahl indes vermittelt den Eindruck, altersgerecht zu sein und ist auch so angelegt, dass sie sowohl Jungen als auch Mädchen ansprechen kann. Auch die Vielfalt der Methoden überzeugt. Der Einsatz dieser Methoden wird für die Schüler/innen dabei sogar erleichtert durch die in grün gehaltenen „So geht es“-Methodenkästen, die in jedem Fragenkreis mehrfach vorkommen. Hier und da werden in „Fair Play“ auch Verweise auf Webseiten vorgenommen. Allerdings sind diese Verweise nicht integriert in konkrete Arbeitsaufträge, sondern dienen lediglich als zusätzliche Informationsquelle. In Zeiten einer zunehmenden Vernetzung mit digitalen Medien ist dies durchaus zu monieren. Irritierend ist auch, dass die interessante Kategorie „Filmtipps“ nur an einer einzigen Stelle des Buchs vorkommt. Die große Textsortenvielfalt ist dann aber wiederum erfreulich. Berücksichtigt werden u. a. Sachtexte, Dialoge und Interviews, Roman- und Märchenauszüge und Bibelausschnitte. Durchweg sind sie altersgerecht aufbereitet und didaktisch reduziert so auf den Punkt gebracht, dass sie sich ohne Schwierigkeiten lesen lassen sollten.Die diversen Arbeitsaufträge geben konkrete Anweisungen und bauen durch die enge Verzahnung mit den jeweiligen Bildmedien gedankliche Brücken. Es gibt vielfältige spielerisch-handlungsorientierte Umsetzungen (etwa: „Bildet ein Team und …“, „Setzt Euch in Gruppen zusammen und …“). In manchen Aufgabenstellungen allerdings finden sich Redundanzen durch eine mangelnde Trennschärfe des Arbeitsziels, d. h. die Aufgabenstellungen beziehen sich auf die selben Problemaspekte und zeigen hinsichtlich der Lösungswege deutliche Überschneidungen. Vor allem aber ist auffällig, dass sich die Verwendung von Operatoren auf einige wenige beschränkt: Beschreiben, Erklären sowie Gestalten/Entwer­fen/Verfassen. Der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig auf solchen Operatoren, die zur Wiedergabe von Sachverhalten benutzt werden. In den handlungs- und produktionsorientierten Aufgabenstellungen finden sich überdies vornehmlich Operatoren, die eine selbstständige Gestaltung und Schlussfolgerung verlangen. Demgegenüber gibt es aber auch viele unspezifische W-Fragen (Wie denkt ihr über …?, Wie findest du …?, Was wisst ihr …?, Was bedeutet…?). Anerkennenswert schließlich ist die Implementierung von sogenannten „Aufgaben zur Auswahl“. Allerdings eignen sie sich nur teilweise, um sie in der Klasse verteilt nach Schwierigkeitsgrad selbstständig bearbeiten zu lassen. Denn sie sind nicht dezidiert intern differenziert oder an der Idee gestützter Hilfen ausgerichtet (z. B. die Auswahlaufgaben zum Pessach- und Osterfest), was an einem Schulbuch, das sich gerade an differenzierende Schulformen richtet, durchaus zu kritisieren ist. Zusätzliche Konkretisierungen oder Ergänzungen durch Lehrkräfte sind somit strukturell angelegt.Das Lehrbuch „Fair Play“ legt einen deutlichen Schwerpunkt auf den fachlichen Kompetenzbereich des Interagierens und Sich-Mitteilens. Dieser zielt auf das Erlernen einer Konflikt- und Diskursfähigkeit, welche u. a. das aktive Zuhören sowie das Einüben von Strategien der verantwortungsvollen Lösung von Konflikten beinhaltet. Kreativ umgesetzt ist darüber hinaus der Kompetenzbereich „Wahrnehmen und Deuten“, der v. a. einen Schwerpunkt in den ersten beiden Fragenkreisen des Buches hat, wenn es darum geht, wie sich man selbst sieht und wie das Erleben anderer im persönlichen Umfeld nachvollzogen werden kann. Konsequent heruntergebrochen wird das Wahrnehmen und Deuten in späteren Kapiteln auch durch sogenannte „Durch eine andere Brille sehen“-Kästen, die einen Perspektivwechsel ermöglichen sollen. Insofern zeigt das Buch Übereinstimmungen mit den Kompetenzerwartungen am Ende der Jahrgangsstufe 6, so wie sie etwa vom Hessischen Kultusministerium im Kerncurriculum formuliert sind, wobei es in „Fair Play“ drei „Fähigkeiten“ sind, die systematisch entwickelt werden: 1) die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken 2) die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und 3) die Fähigkeit zum guten Argumentieren. Über Piktogramme, die an den oberen Seitenecken platziert sind, wird transparent, welche dieser Fähigkeiten jeweils eingeübt werden können.

Fazit
Mit „Fair Play“ liegt ein gut gegliedertes Schulbuch vor, welches mit der Versinnbildlichung im Titel einem ethischen Grundsatz folgt und den Schülerinnen und Schülern sowohl Raum zum kooperativen Lernen als auch zur individuellen Meinungsbildung lässt. Die vielfältigen Texte sind gelungen reduziert und bieten eine Fülle an Gesprächsanlässen und Diskussionsmöglichkeiten. Das Werk bietet insofern eine gute Grundlage für die Unterrichtsplanung und -durchführung. Auch leistet es auf diese Weise einen Beitrag zur Unterstützung der Lehrkräfte. Durch die Ausrichtung an Kompetenzbereichen und die Palette der Methoden lässt sich ein moderner Ethikunterricht gestalten. Potenzial für Verbesserungen besteht allerdings in Bezug auf die präzisere Formulierung und konsequentere Differenzierung der Aufgabenstellungen sowie stellenweise die Reduktion der visuellen ‚Reize‘. Insgesamt betrachtet ist das Werk ansprechend, benutzerfreundlich und lebensnah gestaltet. Wenn schließlich auch noch das Buchpapier aus nachhaltigen Rohstoffen gewonnen wird, könnte das Schulbuch dem Titel „Fair Play“ in seiner Ganzheit gerecht werden.


Lizenz: CC BY-ND 4.0 Lizenz „Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ (CC BY-ND 4.0)


Info Zitation Dormehl, Daniela Simone, Thorsten Fuchs und Bernd Starossek. Rezension zu: Fair Play 5/6 – differenzierende Schulformen von Hamraths, Ulrike et al. (Hg.). Paderborn: Schöningh 2014, ISBN 978-3-14-025401-4, Edumeres 2015, http://edu-reviews.edumeres.net/rezensionen/rezension/dormehl-daniela-simone-thorsten-fuchs-und-bernd-starossek/, zuletzt geprüft am 22.09.2019.