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Sozialkunde / Politik, Oberstufe, Gymnasium, Gesamtschule

Blickpunkt Sozialwissenschaften, Band 1 und 2

Blickpunkt Sozialwissenschaften, Band 1 und 2
Herausgegeben von Detjen, Joachim et al.
Erschienen Braunschweig: Schroedel, 2014
Seitenanzahl 248; 488
ISBN 978-3-507-11540-8; 978-3-507-11545-3
Geeignet für Nordrhein-Westfalen
Rezensiert von Herhold, Moritz und Lutz Derksen (Studierende), 10. Oktober 2016

Rezension von Herhold, Moritz und Lutz Derksen (Studierende)


Einleitung
Im Folgenden werden die Bände eins und zwei des Schulbuches „Blickpunkt Sozialwissenschaften“ für Nordrhein-Westfalen rezensiert. Wir verwenden dafür die Bezeichnungen Blickpunkt 1 und Blickpunkt 2. Die gymnasiale Oberstufe ist in beiden Lehrwerken die Zielgruppe. Blickpunkt 1 richtet sich dabei speziell an die Einführungsphase, während Schülerinnen und Schüler der Qualifikationsphase I und II die Adressaten von Blickpunkt 2 sind.
Die Covergestaltung von Blickpunkt 1 wirkt einladend, weil versucht wird, die Schülerinnen und Schüler durch jugendliche und moderne Grafiken zu begeistern. Das Hardcover von Blickpunkt 2 gibt mit einem Finazgebäude und einem Containerhafen erste Hinweise auf die zentralen Inhalte des Lehrbuches
Der erste Band beinhaltet für die Einführungsphase 248 Seiten. Weil der zweite Band für zwei Schuljahre konzipiert wurde, ist das Buch mit 488 Seiten  umfangreicher. Der Kernlehrplanbezug wird  in beiden  Bänden dadurch gesichert, dass  die sozialwissenschaftlichen Themenbereiche Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Hauptthemen vertreten sind.

Überblick über Aufbau, Inhalt, Konzept
Die insgesamt sieben Hauptkapitel der beiden Bücher, „Marktwirtschaftliche Ordnung“, „Politische Strukturen, Prozesse und Partizipationsmöglichkeiten“, „Individuum und Gesellschaft“, „Wirtschaftspolitik“, „Europäische Union“, „Strukturen sozialer Ungleichheit“ und „Globale Strukturen und Prozesse“ entsprechen den Inhaltsfeldern des Kernlehrplans und wurden an diesen angepasst. Der Umfang der Hauptkapitel in Blickpunkt eins beträgt jeweils ca. 80 Seiten. In Blickpunkt 2 umfassen die Hauptkapitel jeweils ca. 100 Seiten. Die großen Inhaltsfelder werden auf jeweils fünf bis acht Unterkapitel aufgeteilt, wobei die sozialwissenschaftlichen Bereiche Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen abgedeckt werden.
Die Auftaktseiten leiten die Hauptkapitel ein, indem inhaltliche Schwerpunkte und Kompetenzen aufgelistet werden, die von der Lerngruppe erarbeitet und erworben werden sollen. Impulse zu Beginn der Kapitel werden durch Bilder oder Grafiken gesetzt, um einen Bezug zum Vorwissen der Schülerinnen und Schüler herzustellen. Die Teilkapitel werden durch Autorentexte und einen Block mit Basiswissen eingeleitet, wobei ebenso eine Verknüpfung zur alltagsweltlichen Vorstellung und zum Vorwissen geschaffen wird. Auf den umfangreichen Materialseiten werden Zeitungsartikel und Auszüge aus Sekundärquellen in angepasstem Verhältnis zu Grafiken, Tabellen und Karikaturen zur Verfügung gestellt. Die Kategorien „Methode“, „Modell“ und „Lernweg“ in den Teilkapiteln helfen, die Methoden- und Handlungsorientierung auszubilden. Den Abschluss des inhaltlichen Teils eines Kapitels bildet die Rubrik „Wissen kompakt“, die das erlernte Wissen zusammenfasst. Alle Hauptkapitel werden durch eine Probeklausur abgeschlossen. Im Anhang befindet sich der Operatorentrainer, der die Selbstüberprüfung der erworbenen Kompetenzen ermöglicht. Ein Abiturtrainer ist in Blickpunkt 2 gegeben, damit sich die Schülerinnen und Schüler durch Simulation an die Abiturprüfung gewöhnen können.

Charakterisierung der Schülerorientierung
Hauptaugenmerk der Rezension, in Bezug auf die didaktische Aufbereitung, ist die Untersuchung, ob die beiden Bände schülerorientiert sind und den Kriterien dieses didaktischen  Prinzips  entsprechen.  Detjen  definiert  Schülerorientierung  vor  allem  als „Ausrichtung von Lernprozessen an den Interessen, Bedürfnissen und Erwartungen der Lernenden. Dabei soll sich die Ausrichtung sowohl auf Inhalte, als auch auf die methodische Gestaltung der Lernprozesse beziehen“.[1] Überprüft werden die Schulbücher in diesem Zusammenhang vor allem darauf, ob Materialien und Aufgabenstellungen einen Lebensweltbezug zu den Schülerinnen und Schülern herstellen und ob der methodische Aufbau zum einen einer Kompetenzsteigerung als Zielsetzung gerecht wird und zum anderen schülergerechtes Arbeiten an den Inhalten zulässt.
Die Autoren lassen im Vorwort bereits erkennen, dass sie selbst den Anspruch an sich stellen, ein schülergerechtes Schulbuch entwickelt zu haben. Es ist explizit an die Schüler adressiert („Liebe Schülerinnen und Schüler“, Blickpunkt 1, S. 6; Blickpunkt 2, S. 8) und informiert diese über den Aufbau der Bücher, wodurch die Betonung der Transparenz in den Fokus gerückt wird. Implizit ist das Vorwort auch an die Lehrkraft gerichtet. Es wird z. B. betont, dass Aufgaben, die sich zur Binnendifferenzierung anbieten, farblich gekennzeichnet sind. Die Hinweise zur Binnendifferenzierung sind in erster Linie an die Lehrkraft gerichtet, welche den Unterrichtsprozess für die Lernenden plant.
Auch die Übersichten zum Kompetenzerwerb auf den Auftaktseiten der Hauptkapitel dienen der Transparenz, die zur Schülerorientierung gehört. Die Kompetenzübersichten erscheinen komplex. Dennoch kann es für den Lernprozess der Lernenden förderlich sein, wenn sie sich an den Übersichten zu den Kompetenzniveaus orientieren. Wichtig ist vor allem, dass die Schülerinnen und Schüler das Gelernte in anderen Kontexten anwenden können. Ob sie genau benennen können, welcher Kompetenz ein bestimmtes Problemlösen zuzuordnen ist, ist eher zweitrangig, solange das Wissen richtig und zielführend angewendet wird. Die Aufgabenstellungen orientieren sich stark an den Operatoren der Abiturprüfung. In jeder Aufgabe ist der jeweilige Operator, z. B. nennen, begründen, erläutern oder erörtern, durch Fettdruck hervorgehoben, sodass den Schülerinnen und Schülern erneut bewusst werden soll, welchem Kompetenzbereich die entsprechende Aufgabe zuzuordnen ist. Auch in den Probeklausuren am Ende der Hauptkapitel wird gezeigt, welche Operatoren abgefragt werden. Transparenz wird also auch diesbezüglich betont. Ein Beispiel für die Abfrage der Sachkompetenz findet sich in Blickpunkt 1 im Zusammenhang mit Produktion. Die Lernenden sollen in Aufgabe 4 auf der Grundlage mehrerer Materialien der Doppelseite erläutern, inwiefern Produktivitätssteigerung durch Spezialisierung stattfindet (vgl. S. 15). Aufgabenstellungen zum Trainieren der Urteilskompetenz lassen sich in Blickpunkt 2 z. B. auf Seite 353 finden. Dort sollen die ökologischen Folgen der Globalisierung beurteilt werden, nachdem zuvor deren Merkmale herausgearbeitet wurden. Die Handlungskompetenz kann im Unterricht nur simuliert werden, aber die beiden Bände bieten hierfür geeignete und zu den Themen passende Handlungsszenarien an, wie z. B. eine Pro/Contra-Debatte zum Thema Extremismus (vgl. Blickpunkt 1, S. 159) oder ein Rollenspiel (vgl. S. 226). Quantitativ fallen Aufgaben und Methoden, die die Handlungskompetenz simulieren, geringer aus als die zur Sach-, Urteils- und zur Methodenkompetenz. Die Simulationen sind jedoch erstens zeitintensiv und Planung, Durchführung und Reflexion nehmen meist mehrere Stunden ein und die Methoden können auf mehrere Themenkomplexe übertragen werden, ohne im Buch dort explizit vorgeschlagen zu sein. Insgesamt werden die Kompetenzen des Kernlehrplans vielfältig in verschiedenen Umfängen trainiert, ebenso wie die Operatoren der Abiturprüfungen. Weiterhin erfordern die Aufgabenstellungen oft einen Bezug zur Lebenswelt der Schüler. Beispielsweise sollen sie in Blickpunkt 1 beim Thema Konsumgesellschaft Stellung nehmen, ob sie aus ihren eigenen Erfahrungen bestätigen können, dass Jugendliche ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind (vgl. S. 11). Die Zusammenführung von Theorie und lebenswirklicher Praxis findet sich in vielen Aufgabenstellungen in beiden Bänden wieder. Wissen, das in Blickpunkt 1 erworben wird, ist an vielen Stellen die Voraussetzung für das Arbeiten mit Blickpunkt 2. Teilweise wird in Blickpunt 2 im „Basiswissen“ etwas wiederholt, jedoch helfen die Informationen nicht einmal, die Grundlagen komplett zu verstehen. Daher muss festgehalten werden, dass es einer genauen Steuerung der Lehrkraft bedarf, wenn sie Blickpunkt 2 beispielsweise in Zusatzkursen einsetzen will, an denen bisher fachfremde Schüler teilnehmen.
Der Umgang mit beiden Bänden regt im Regelunterricht zu selbstständigem Lernen und Arbeiten an. Aufbau, Umgang mit dem Buch, Materialien, Aufgabenstellungen und Methoden sind so sehr miteinander verwoben und aufeinander abgestimmt, dass die Lehrkraft theoretisch bis auf die Steuerung, was wann, wie intensiv und wie lange bearbeitet wird, vollends in den Hintergrund treten kann und die Lerngruppe sich die relevanten Inhalte selbst erarbeiten kann.
Am Ende der Autorentexte zu Beginn eines jeden Teilkapitels werden Fragen aufgelistet, die es im Verlauf des Lernfortschritts über die Kapitel hinweg zu erarbeiten gilt. Die von den Autoren verwendeten Fachbegriffe werden in einer Randnotiz vermerkt und verweisen auf das Glossar im Anhang der Bücher, damit jeder neue Begriff nachgeschlagen werden kann. Außerdem wird ein neu eingeführter Fachbegriff durch das Signal „Info“ am Rand des Kapitels erklärt. Insgesamt sind die Autorentexte in einer altersangemessenen und Neugier weckenden Sprache geschrieben. In Blickpunkt 2 ist die Sprache nicht zu wissenschaftlich, sondern wirkt durch den Einführungscharakter zu Beginn der Kapitel einladend und lebensnah. Außerdem ist diesen Band betreffend anzumerken, dass im Material an manchen Stellen mehr Glossar-Einträge wünschenswert sind (S. 314).
Die Materialtexte im Anschluss an die Einführung der Teilkapitel haben in Blickpunkt 1 teilweise ein sehr hohes Niveau. Auf S. 142 findet sich beispielsweise im Zusammenhang mit der Identitätstheorie der Demokratie eine Originalquelle vom Staatstheoretiker Jean- Jacques Rousseau als Material. Der Text ist ohne Kommentierungen oder sprachliche Anpassungen abgedruckt. Für viele Schülerinnen und Schüler stellt dieses Material eine Herausforderung, für manche jedoch eine Überforderung dar, sodass sich in den Aufgabenstellungen Hinweise zum Differenzieren finden sollten. Dies ist jedoch nicht der Fall und die Lehrkraft muss abwägen, ob sich Materialien wie diese für die gesamte Lerngruppe eignen.
Die Umsetzung der Binnendifferenzierung ist in den Lehrbüchern nicht immer optimal gewährleistet, da an vielen Stellen, an denen sich Differenzierung anbieten würde oder sogar erforderlich wäre, keine Hinweise zu Umsetzung genannt werden. Dennoch glänzen beide Bände mit einer medialen Ausgewogenheit. Bilder, Grafiken, Karikaturen, Diagramme, Tabellen und Quellentexte werden bewusst und abwechslungsreich aufeinander abgestimmt, ohne dass der Sinn des Materials seine Bedeutungskraft verliert.
Insgesamt nehmen die Materialseiten den größten Anteil des Inhalts ein. Die Themen sind aktuell und interessant, wobei die Kontroversität (vgl. Blickpunkt 2, S. 353) gefördert wird. Außerdem wird der Bezug zur Alltags- und Lebenswelt der Lerngruppe geschaffen (vgl. Blickpunkt 2, S. 364/365, 230, 382).
Durch die inhaltliche Vielfalt und Tiefe, aber auch Anschaulichkeit, kann Blickpunkt 1 als Lernbuch genutzt  werden,  denn  die  Autoren  berufen  sich  bewusst  auf  die  Output- Orientierung. Aber es gibt auch differenzierte Aufgaben, Klausurvorbereitungen und in Blickpunkt 2 einen Abiturtrainer, welche die Nutzung als Arbeitsbuch ebenfalls möglich machen. Exemplarisch dient das politische Themenfeld 2.2 in Blickpunkt 1 dazu, die Diversität zu demonstrieren. Im Zuge des Vielfältigkeitsgebotes, können Schülerinnen und Schüler  die  politischen  Grundorientierungen  der Parteien  vergleichen  und  sich gegebenenfalls mit ihnen identifizieren. Das Kapitel 3 „Individuum und Gesellschaft“ in Blickpunkt  1  ist  für  die  Darstellung  einer  pluralen  Gesellschaft  prädestiniert.  Hinzu kommt,  dass  die  Darstellung  einer  vielfältigen  Gesellschaft  der  Heterogenität  der Lerngruppe gerecht wird. Dies geschieht durch die multiperspektivische Aufbereitung des Inhalts, wodurch die Frage nach der Identität von Schülerinnen und Schülern, sowie nach ihren Einstellungen und Motivationen aufgeworfen wird. Die Multiperspektivität kann in Blickpunkt 2 durch die Methode der Konfliktanalyse, eingeübt werden (S. 382). Dabei kann die Lerngruppe einen aktuellen Konflikt auswählen und mithilfe eines Schemas die unterschiedlichen Meinungen der politischen Akteure aufschlüsseln.

Abschließende Beurteilung
Die beiden Bände Blickpunkt 1 und Blickpunkt 2 verfolgen das didaktische Konzept der Schülerorientierung. Das Material ist ausgesprochen anschaulich und vielfältig, wodurch die Basis für einen multiperspektivischen Lernprozess geschaffen wird. Mitunter kann bemängelt werden, dass der Input an manchen Stellen zu groß und das Leistungsniveau vor allem in Blickpunkt 1 für einige Lernende zu hoch angesetzt sein könnte. Hier würde sich die Bereitstellung von erweitertem Grundlagenmaterial anbieten, um auch den leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern einen angemessen Zugang zum Thema zu ermöglichen und das Anforderungsniveau anzupassen. Durch die Bonusmaterialien in den Kapiteln, signalisiert durch „Info“, „Glossar“ und „Querverweis,“ wird das Materialangebot sinnvoll ergänzt. Die Aufgaben bieten zwar die Binnendifferenzierung an, aber die Lehrkraft ist dazu angehalten, zusätzliche Materialien für eine leistungsgerechte Differenzierung zu gestalten. Transparenz ist allgemein wichtig, aber an manchen Stellen mit Hinweisen zu erwerbenden Kompetenzen werden die Schülerinnen und Schüler mit Dingen konfrontiert, über die sie sich nicht zwingend Gedanken machen müssen.
Die fachdidaktische Gestaltung und Zielsetzung ist aktuell und leitet das selbstständige Arbeiten der Lerngruppe an. Der ehemalige Universitätsprofessor Joachim Detjen ist einer der Hauptautoren, der seine fachdidaktischen Prinzipien mit in die Gestaltung der Lehrbücher einfließen lässt. Mit den Operatoren in den Aufgabenstellungen wird die Lerngruppe auf die verschiedenen Kompetenzen, die vom Lehrplan vorgegeben werden, vorbereitet. Insgesamt überzeugen die Bände durch einen kompetenzsteigernden Aufbau, der eine optimale Vorbereitung auf das Abitur garantiert und den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, die Inhalte auf ihr eigenes Leben zu beziehen.


[1] Detjen, Joachim: Politische Bildung. Geschichte und Gegenwart in Deutschland. München/ Wien: R. Oldenbourg Verlag 2007


Lizenz: CC BY-ND 4.0 Lizenz „Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ (CC BY-ND 4.0)


Info Zitation Herhold, Moritz und Lutz Derksen. Rezension zu: Blickpunkt Sozialwissenschaften, Band 1 und 2 von Detjen, Joachim et al. (Hg.). Braunschweig: Schroedel 2014, ISBN 978-3-507-11540-8; 978-3-507-11545-3, Edumeres 2016, http://edu-reviews.edumeres.net/rezensionen/rezension/herhold-moritz-und-lutz-derksen/, zuletzt geprüft am 21.09.2019.