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Geschichte, 7./8. Schuljahr, 9./10. Schuljahr, Gymnasium

Zeit für Geschichte 3

Zeit für Geschichte 3
Herausgegeben von Beck, Dorothea et al.
Erschienen Braunschweig: Schroedel, 2006
Seitenanzahl 272
ISBN 978-3-507-36553-7
Geeignet für Baden-Württemberg
Rezensiert von Fichert, Martin (Lehrer), 1. November 2008

Rezension von Fichert, Martin (Lehrer)


Einleitung
Bei dem vorliegenden dritten Band aus der Reihe „Zeit für Geschichte“ handelt es sich um die G8-Version des bereits seit längerem erhältlichen Lehrwerks. Das Buch ist nur für Baden-Württemberg zugelassen, was sich auch in der wiederholten Bezugnahme auf die badische und württembergische Geschichte zeigt. Diese Erweiterung des Themenspektrums trägt mit dazu bei, dass das Buch - obwohl sechs statt acht Themenbereiche behandelt werden - annähernd den gleichen Umfang wie die G9-Ausgabe hat. Vergleichbar ist folglich auch der Preis, der mit 21,95 Euro nur knapp unter dem Preis für die G9-Version liegt. Hierfür bekommt man ein ansprechend gestaltetes Lehrwerk, das vielfältige, qualitativ hochwertige Materialien bietet.

Didaktisches Konzept und Umsetzung
Wie eingangs dargestellt, basiert das Werk auf einer Reihe, die schon längere Zeit existiert und somit praxiserprobt ist. Der augenfälligste Unterschied zu den Vorgängerausgaben besteht darin, dass so genannte „Kompaktseiten“ eingeführt wurden. Hier finden sich jeweils am Ende eines Kapitels die wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen als „Grundwissen“ zusammengefasst. Im Gegensatz zur Lehrwerkvorstellung des Verlags im Internet haben die Verfasser in ihrer gedruckten Einführung „Zur Arbeit mit diesem Buch“ jedoch versäumt, auf diese Neuerung hinzuweisen. Auch andere im Buch verwendete Elemente - beispielsweise die Rubrik „Schauplatz“ - werden zu Beginn nicht vorgestellt.
Die übergeordneten Ziele, die die Autoren mit diesem Werk - beziehungsweise dieser Reihe - verfolgen, sind ebenfalls nur im Internet zu finden. Das Buch solle Schülerinnen und Schüler fordern, ihnen aber auch „Spaß“ machen. Weiterhin ziele das Buch auf einen bewussten Umgang mit Methoden ab und solle durch seine Gestaltung zur eigenständigen Auseinandersetzung mit historischen Themen anregen. An die Lehrenden gerichtet wird zudem die starke Orientierung an den „Lehrplänen“ hervorgehoben. Diese Informationen bleiben den Leserinnen und Lesern, sofern sie nicht Recherche im Internet betreiben, verborgen. Dies scheint jedoch vertretbar, da zu weitschweifige Ausführungen das Format einer Seite „gesprengt“ hätten und es zudem fraglich ist, inwieweit diese Informationen für jugendliche Leserinnen und Leser Bedeutung haben. Ansonsten bietet die Erläuterungsseite eine knappe und dem Alter der Schülerinnen und Schüler angemessene Einführung in die Arbeit mit dem Lehrwerk.
Insgesamt ist der Aufbau des Buches sehr traditionell gehalten. Zu Beginn jeder Einheit, die - um letztmals auf das Internet zu verweisen - hier als Großkapitel bezeichnet werden, findet sich eine Doppelseite, die als Auftakt für das kommende Thema dienen soll. Diese Doppelseiten sind farblich hervorgehoben und reichlich bebildert. Dieser Rubrik folgt jeweils eine Seite, die mittels Karte und Zeittafel eine räumliche und zeitliche Orientierung vermitteln soll. Insgesamt gelingt dieses auch sehr gut. Allerdings hätte man teilweise noch weitere Daten aufnehmen können. So ist beispielsweise nicht ganz nachvollziehbar, warum gerade der Deutsch-Dänische-Krieg in der Auflistung der Einigungskriege fehlt. Der „Orientierung in Zeit und Raum“ folgt eine weitere Einstiegsseite, mit der die Leserinnen und Leser dazu veranlasst werden sollen, „ins Thema [zu] `springen`“. Ob die ausgewählten Materialien hierzu immer geeignet sind, mag zumindest hinterfragt werden. So „erregt“ beispielsweise die Mahnung von Abigail Adams an ihren Mann, bei der Erarbeitung der Verfassung die Frauen nicht zu vergessen, bei Jugendlichen wohl kaum ein gesteigertes Interesse an der amerikanischen Geschichte. Ähnliches gilt für die Zeit des Kaiserreichs, für die durch einen Auszug aus Heinrich Manns Untertan Neugier geweckt werden soll. Generell hätte man den Platz für diese gedoppelte thematische Hinführung wohl sinnvoller nutzen können.
Die sich anschließenden Verfassertexte sind klar strukturiert und überwiegend nachvollziehbar. Wünschenswert wäre aber gewesen, eine einheitliche beziehungsweise korrekte Schreibweise für Eigennamen - z. B. Französische Revolution oder Osmanisches Reich - zu verwenden statt zwischen Groß- und Kleinschreibung zu wechseln. Auch die teilweise auftauchenden Trennungszeichen innerhalb einer Zeile hätten dem Lektor auffallen sollen. Dass die Ausführungen zu den „kirchliche[n] Antworten auf die soziale Frage“ auf Seite 108 mitten im Satz enden und sich nirgendwo ein Anschluss findet, ist für ein etabliertes Lehrwerk erstaunlich.
In die Darstellung werden zahlreiche Abbildungen und Grafiken mit einbezogen. Hierdurch wirken die Seiten recht aufgelockert. Teilweise sind sie jedoch auch überfrachtet, wie sich etwa auf den Seiten 232/233 mit einem Mix aus Verfassertexten, zwei Landkartenausschnitten und sechs Abbildungen besonders deutlich zeigt. Dies führt dazu, dass die Größe der Abbildungen teilweise sehr stark reduziert wurde und sie daher im Unterricht nicht sinnvoll einsetzbar sind. Eine geeignete Darstellung der „Grausamkeiten des Krieges an der Westfront“ (S. 233) ist mit Plakaten in Briefmarkengröße zum Film „Im Westen nichts Neues“ sicherlich nicht zu erreichen.
Den Verfassertexten schließt sich jeweils ein Quellenteil an, der neben Textquellen auch zahlreiche weitere Materialien enthält.
Die Arbeitsaufträge, die als Vorschläge verstanden werden wollen, sind teilweise mit Operatoren, oft auch mit W-Fragen formuliert. Insgesamt geben diese meist sinnvolle Handlungsanweisungen, wobei die Vorgaben teilweise unverbindlich bleiben. Ob beispielsweise die Formulierung „versuche herauszufinden“ (S. 97) alle Schülerinnen und Schülern zwingend herausfordert, über einen Versuch hinauszugehen, kann unterschiedlich betrachtet werden. Teilweise sind die Arbeitsaufträge jedoch auch nicht leistbar, beispielsweise wenn verlangt wird, die zeitgenössische Meinung über das Amerika des 17./18. Jahrhunderts aus der Sicht eines norditalienischen Orgelbauers zu formulieren (S. 11).
Der Methodenschulung widmen sich acht Beiträge aus der Rubrik „Werkstatt“. Über die Kapitel verteilt finden sich auf jeweils einer Doppelseite Hinweise zur Arbeit mit den gängigsten Quellenarten sowie der Recherche in Bibliotheken.
Abschließend sei auf die Rubrik „Schauplatz“ verwiesen, die sich nur ungenau zuordnen lässt. Vielleicht findet diese auch aus diesem Grund keine Erwähnung in der oben zitierten Einführung zur Arbeit mit dem Buch. Diese Seiten lassen sich am ehesten als eine - durchaus gelungene - Mischung aus regionalgeschichtlichen Aspekten und thematischen Vertiefungen beschreiben.

Inhalt und Methodik
Das Buch stellt in insgesamt sechs Kapiteln die historischen Entwicklungen vom Zeitalter der Revolutionen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs dar. Begonnen wird mit dem fakultativ zu behandelnden Thema „Amerikanische Revolution“. Die inhaltliche Spannbreite reicht von den ersten Besiedelungen bis zur amerikanischen Verfassung. Auch die Minderheitenproblematik wird aufgegriffen. Leider wurde hier die Chance vertan, durch eine ausführlichere Darstellung Raum für kritischere Auseinandersetzungen zu schaffen. Dies wäre im gymnasialen Bereich durchaus sinnvoll gewesen, zumal die intendierte Aussage des Verfassertextes, dass der schwarze Bevölkerungsteil im 20. Jahrhundert die Gleichberechtigung erlangte, durchaus diskussionswürdig erscheint.
Das nächste Kapitel schildert die Entwicklungen von der Französischen Revolution bis zum Ende der Herrschaft Napoleons. Bei diesem für die Geschichte zentralen Themenbereich kommen einige Aspekte leider viel zu kurz. So dürfte Schülerinnen und Schülern anhand der Darstellung weder deutlich werden, was an den Vorgängen in den Generalständen revolutionär war, noch was die „Revolution auf dem Lande“ bedeutete. Ebenso werden die Gründe für die Hinrichtung Ludwig XVI. nur bedingt begreifbar. Gleiches gilt für die Phase des Terrors. Als letztes Beispiel sei die preußische Heeresreform angeführt, der lediglich vier Sätze gewidmet werden. Diese Versäumnisse sind ärgerlich, zumal genügend Raum für ausführlichere Beschreibungen zur Verfügung gestanden hätte. Bei aller Sympathie für Regionalgeschichte erscheinen nämlich die beiden Kapitel zu den damaligen Entwicklungen in Baden und Württemberg mit insgesamt zehn Seiten überdimensioniert.
Eine ähnlich starke Beachtung der Lokalgeschichte findet sich im Kapitel zur Industriellen Revolution. Insgesamt sind hier die Ausführungen jedoch deutlich verständlicher und umfassender geraten. Positiv seien auch die Methodenseiten zur Arbeit mit Statistiken erwähnt.
Das folgende Kapitel „Der Kampf um Einheit und Freiheit“ behandelt den Zeitraum vom Wiener Kongress bis zum Scheitern der 1848er Revolution. Auch hier wird wieder häufig mit Abbildungen gearbeitet, beispielsweise mit der allseits bekannten Darstellung aus den „Münchener fliegenden Blättern“ zum schlesischen Weberaufstand, die leider jedoch nicht gut bearbeitet wurde. Dabei spielt die Frage, ob diese Karikatur tatsächlich aus dem Jahre 1844 stammt, oder etwa doch - wie in den meisten anderen Büchern angegeben - aus dem Jahre 1848, wohl eine weniger bedeutende Rolle. Bedauerlich hingegen ist, dass man die Abbildung um ihre eigentliche Aussage gebracht hat, indem man die Erläuterung zu den abgebildeten Soldaten -„offizielle Abhilfe“ - einfach abgeschnitten oder vergessen hat. Zudem fällt in diesem Kapitel die begrenzte Sinnhaftigkeit einiger Arbeitsaufträge auf. Hierzu gehört beispielsweise die auf Seite 154 gegebene Anweisung „Informiere dich über das Leben eines Revolutionärs aus deiner Region“.
Das nächste Kapitel thematisiert die Anfänge des Kaiserreichs, wobei auch hier ein umfangreicherer Verfassertext wünschenswert gewesen wäre. Dies hätte man durch den Verzicht auf einige weniger aussagekräftige Abbildungen leicht ermöglichen können. Hingewiesen sei beispielsweise auf den auf Seite 170 abgebildeten Holzstich, der Bismarck im preußischen Abgeordnetenhaus zeigt. Diesen Platz hätten die Autoren mit einer genaueren Darstellung des preußischen Verfassungskonflikts sinnvoller nutzen können. Im Verfassertext bleibt dieser unklar und der Begriff „Indemnitätsvorlage“ fehlt. Ebenso vermisst man in der weiteren Darstellung den Begriff „ultramontan“, der jedoch in der Praxis stets die der katholischen Kirche unterstellte Abhängigkeit von den Entscheidungen des Vatikans sehr gut verständlich macht. Auch die auf der Seite 173 zu findende tabellarische Darstellung der Wahlen zum Reichstag ist für Schülerinnen und Schüler verwirrend. Ohne weitere Ausführungen zu den Besonderheiten des Wahlrechts (Wahlkreisfestlegung) ist es kaum nachvollziehbar, warum mitunter identische Prozentzahlen zu stark unterschiedlichen Abgeordnetenzahlen geführt haben.
Das abschließende Kapitel ist den Themenbereichen „Imperialismus und Erster Weltkrieg“ gewidmet. Die Ereignisse, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs geführt haben, werden im Großen und Ganzen nachvollziehbar geschildert. Jedoch fehlen auch hier teilweise Fachtermini (Beispiel „Oktoberreformen“). Zudem hätte man - bei allem Zwang zur didaktischen Reduktion - unterschiedliche Forschungsmeinungen stärker mit einbeziehen können. Dies gilt beispielsweise für die Kriegsschuldzuweisung in Artikel 231 des Versailler Vertrags. Hier wäre es sicherlich sinnvoll gewesen, diesen zentralen Artikel auch explizit zu benennen. Weiterhin entspricht die Darstellung, dass dieser Artikel allein der Rechtfertigung der „harten Friedensbedingungen“ (S. 225) dienen sollte, nicht der gängigen Forschungsmeinung. Auch die generelle Frage, inwieweit die Friedensbedingungen wirklich die ihnen zugesprochene Härte aufwiesen, wird bekanntlich unterschiedlich bewertet und könnte im gymnasialen Bereich diskutiert werden.

Fazit
Bei „Zeit für Geschichte“ handelt es sich um ein Lehrwerk, dessen Lektüre für Schülerinnen und Schüler wirklich lehrreich sein kann. Die zentralen Entwicklungen werden - mit wenigen Ausnahmen - nachvollziehbar und unter Verwendung der gängigen Fachtermini beschrieben. Trotz allem wäre eine noch ausführlichere Darstellung wünschenswert gewesen, um insbesondere der multiperspektivischen und kritischen Auseinandersetzung mit historischen Entwicklungen einen höheren Stellenwert zu verschaffen. Diesem gymnasialen Anspruch hätten die Verfasser durch eine weniger ausführliche Darstellung regionalgeschichtlicher Entwicklungen und den Verzicht auf einige weniger sinnvoll eingebundene Abbildungen durchaus entsprechen können. Generell wäre bei der Bebilderung weniger mehr gewesen.