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Sozialkunde / Politik, 7./8. Schuljahr, 9./10. Schuljahr, Realschule, Gymnasium

Anstöße Politik

Anstöße Politik
Herausgegeben von Lüer, Rolf-Dieter und Eckhardt Wansleben
Erschienen Stuttgart: Klett, 2006
Seitenanzahl 328
ISBN 978-3-12-065430-8
Geeignet für Niedersachsen
Rezensiert von Klages, Wolfgang (Wissenschaftler), 1. August 2008
Reihe Anstöße Politik

Rezension von Klages, Wolfgang (Wissenschaftler)


Kurzvorstellung
In zukunftsweisender Form hat das niedersächsische Kultusministerium im Jahr 2006 u.a. die Fachvorgabe erlassen, politische und wirtschaftliche Themen im Politikunterricht an Gymnasien eng miteinander zu verbinden. Ein Lehrbuch, das dieser Leitlinie für die Schuljahrgänge 8-10 eindrucksvoll gerecht wird, ist das hier zu besprechende Werk. Das Unterrichtsbuch besticht durch seine inhaltliche Reichweite, vermittelt sowohl Fachwissen wie analytische Fähigkeiten und gefällt durch eine Methodenvielfalt, die Lernfreude verspricht. Zu dem solide verarbeiteten und ansprechend gestalteten Schülerbuch kann ein Lehrerband mit CD-Rom preisgünstig hinzugezogen werden. Außerdem bietet der Verlag eine Internet-Ergänzung zu dem Lehrwerk an. Passend zu den Kapiteln des Buches werden dort Linksammlungen und weitere Materialien bereitgestellt.

Anlage und Inhalt des Lehrbuches
Das Werk leistet nicht weniger als die schulpraktische Umsetzung des neuen niedersächsischen Lehrplanes („Kerncurriculum“), der die Unterrichtsinhalte für das Fach Politik-Wirtschaft bis zum Eintritt in die gymnasiale Oberstufe festlegt. Danach sollen die Schülerinnen und Schüler drei grundlegende Kompetenzen erwerben: Neben einschlägigem Sachwissen sind Fertigkeiten zur Erkenntnisgewinnung zu vermitteln, um schließlich in politischen und wirtschaftlichen Fragen selbständig urteilen zu können. Im Zeichen dieses fachbezogenen Bildungsauftrages steht das von zwei Gymnasiallehrern herausgegebene und einer Autorengemeinschaft verfasste Buch. In insgesamt neun Kapiteln wird eine ausgewogene Mischung aus Politik- Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen dargeboten. Der Bezugsrahmen gilt zuerst Deutschland, dann Europa und endlich internationalen Berührungen.
Die nie leblos und oberflächlich, sondern anregend und umsichtig angelegten Kapitel beginnen jeweils mit einer reich bebilderten Auftaktdoppelseite. Danach setzen die eigentlichen Themen ein, die ebenfalls doppelseitig und in bis zu zweistelliger Anzahl je Kapitel den Unterrichtsstoff ausmachen. Ein Spaltentext eröffnet das Thema und erklärt Schlüsselbegriffe. Unter einem Grundgedanken sind dann 3 bis 5 Text- und Bildmaterialien aufgeführt. Sie bilden die Unterlage für die Aufgabenstellungen. In die Kapitel sind themennahe Methodenseiten eingebettet. Hier lernen die Schülerinnen und Schüler Verfahren und Techniken kennen, sich Wissen zu erschließen und Informationen zu gewinnen. Arbeitsaufträge zur Festigung und Ergänzung des Gelernten runden die einzelnen Kapitel ab.
Die Autoren gehen geschickt vor, mit Themen  aus der jugendlichen Lebenswelt zu beginnen und so die Aufnahmebereitschaft für den Unterrichtsstoff zu erhöhen. Das Wirtschaftsgeschehen wird eingangs aus Sicht der Lernenden, ihren Bedürfnissen, ihrem Kaufverhalten und ihrem Umgang mit Geld betrachtet. Die lebensweltliche Perspektive wird auch noch in den nächsten beiden Abschnitten über Sozialisation der Jugendlichen und Kommunalpolitik beibehalten. Nach einem beinahe betriebswirtschaftlichen Einschub über das Unternehmen als Wirtschaftseinheit rücken die politischen und sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen nach vorn. Zu loben ist dabei die große Linie der Autoren, Politik und Wirtschaft nicht als getrennte Sparten, sondern als ineinandergreifende Gesellschaftsbereiche zu behandeln. Das gilt insbesondere für die Schnittmengenkapitel über die Europäische Union und die internationale Politik. Für die Bundesrepublik Deutschland wird das Abhängigkeitsverhältnis von Wirtschaft und Politik gebührend berücksichtigt. Marktkräfte können sich nur in einer stabilen politischen Ordnung der Freiheit und sozialen Sicherheit entfalten. Umgekehrt festigt wirtschaftlicher Wohlstand das Vertrauen in die Demokratie.
Ebenso durchgängig gelingt es den Verfassern, Gruppenanliegen, Interessengegensätze und Konflikte, eben die offene, vielschichtige, auch ungleiche Gesellschaft als dem demokratischen Gemeinwesen immer gegenwärtig zu schildern. Der pluralistische Charakter demokratischer Gesellschaften wird sehr betont. Indessen wünscht man sich zuweilen, die bloße Zustandsbeschreibung würde überwunden und die Verhältnisse erschienen weniger als gegeben denn als geschaffen. Der demokratische Staat erstarrt ja nicht in den Gegensätzen seiner Bürger. Seine besondere, tragfähige Idee beweist sich gerade darin, Interessen auszugleichen, Gemeinsamkeiten zu pflegen und Einigkeit herbeizuführen, d.h. oberhalb pluraler Auffächerungen Leistungen für das Wohl aller zu erbringen. Gesellschaftliche Veränderungen, wirtschaftliche Probleme und politische Konflikte werden den Schülerinnen und Schülern hinlänglich zur Anschauung gebracht und ihrer Bewertung überantwortet. Danach hätten die Textinhalte aber häufiger Lösungswege anregen sollen, zumal politische Willensbildung und politisches Handeln in allen Formen einschließlich neuer sozialer Bewegungen und direkter Demokratie besprochen werden.
Ein Versäumnis, das zuerst den Verantwortlichen für das niedersächsische Kerncurriculum anzulasten ist und sich in dem Lehrbuch lediglich fortsetzt, stellt das Fehlen jeder politischen Auseinandersetzung mit der früheren DDR dar. In einem einzigen Literaturzitat wird diese als nicht funktionierende Planwirtschaft abgehandelt. Die DDR - immerhin vier Jahrzehnte lang erzwungene und nachwirkende Staatlichkeit für Millionen Deutsche - wurde von der herrschenden SED als sozialistischer Gegenentwurf zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik ausgegeben. Daran lassen sich Strukturunterschiede zwischen Demokratie und Diktatur festmachen. Es sollte nicht dem Fach Geschichte überlassen bleiben, die Wirklichkeit in einem zentralistischen Ein-Parteien-Staat allein unter dem historischen Aspekt der deutschen Teilung aufzuarbeiten. Die Beschäftigung im Politikunterricht wäre dazu angetan, auch an einem nahe liegenden Gegenbeispiel der sinn gebenden Werte des freiheitlichen Rechtstaates und der gewaltenteiligen Demokratie einsichtig zu werden.
Die Wirtschaftsordnung in Deutschland wird nüchtern entlang der Gesetze und Funktionsweisen des freien Marktes erörtert. Die Autoren widerstehen jeder unterschwelligen Überhöhung oder Beschuldigung des Prinzips aus Angebot und Nachfrage. Ebenso differenziert wie die Wohlstandswirkungen werden zwiespältige Erscheinungen der Marktwirtschaft dargelegt. Deren soziale Einfassung erscheint nicht als deutsche Besonderheit. Die soziale Verantwortung des Staates erschließt sich den Schülerinnen und Schülern als notwendig und folgerichtig, um den Verwerfungen eines völlig entbundenen Kapitalismus zu begegnen. Soziale Sicherheit wird nicht in das falsche Licht einer politischen Kostenbelastung für die Unternehmen getaucht, sondern als wichtige Bedingung für den nachhaltigen Erfolg der Marktwirtschaft erfahren.
Teilweise ähnelt Kapitel 6 („Der Staat in der sozialen Marktwirtschaft“) allerdings einem Abriss in Volkswirtschaftslehre. Entsprechend trocken lesen sich diese Passagen für 14- bis 16-Jährige. Andererseits ist es schwer, Preisbildung und Wirtschaftskreisläufe unter völligem Verzicht auf abstraktere Modelle und Begriffe angemessen darzustellen. Mit Wettbewerbsfragen am Beispiel der Lebensmitteldiscounter, den Preisstörungen durch bekannte Subventionsempfänger und den vielen Gesichtern der Arbeitslosigkeit wird der praktischen Unterfütterung der Wirtschaftstheorie auch wieder Genüge getan. Bei dem kurzen Vergleich der beiden Wirtschaftssysteme „Freie Marktwirtschaft“ und „Zentralverwaltungswirtschaft“ (S.184/185), der erfahrungsgemäß auf die Überlegenheit der weitgehend selbstgesteuerten Wirtschaft hinausläuft, hätte man gleichwohl die eingeborene Krisenanfälligkeit des Marktgeschehens stärker betonen können. Denn aus den wiederkehrenden Ungleichgewichten zwischen Angebot und Nachfrage ergeben sich jene Folgeprobleme wie Unterbeschäftigung, Inflation oder Deflation, die von Lüer/Wansleben et al. wieder gebührend thematisiert werden.

Texte und Materialien
Die Stärken der jedes Thema einleitenden Autorentexte liegen in der zurückhaltenden Sachlichkeit, dem Problembezug und ihrer Verständlichkeit. Zum Vorbild gereichen auch die Auswahl und die einprägsamen Bestimmungen all jener Fachbegriffe, die den Schülern im Umgang mit politischen und wirtschaftlichen Sachverhalten begegnen. Vermieden werden Weitläufigkeit und Umständlichkeit lexikalischer Einträge. Die Einführungstexte liefern im Wesentlichen eine Lagebeschreibung einschließlich aktueller Debatten. Die Autoren verzichten darauf, selbst den Status quo zu hinterfragen. Damit begeben sie sich erst gar nicht auf den schmalen Grat zwischen zeitkritischem Kommentaren und politischem Bildungsauftrag, der eine Ordnung legitimieren soll. Diese Enthaltsamkeit hat ihren Preis.
Im Vergleich zu den Textmaterialien aus Stellungnahmen, Meinungen, Eindrücken und Expertenzitaten, an denen die Arbeitsaufträge für die Schüler festgemacht werden, fallen die Sachtexte der Autoren knapp aus. Letzteren hätte man für die Wissensvermittlung mehr Raum geben können. Ebenso Quellen, die der reinen Sachinformationen dienen und fachwissenschaftlichen Gehalt besitzen. Denn die zitierten Meinungs- und Positionstexte sind zuweilen von so geschickter Argumentation, dass ihr Interesseneinschlag für die Lernenden nicht umstandslos offenbar wird. Das ist ebenfalls in formaler Hinsicht zu bemängeln. Wissenschaftliche Texte hätte man deutlicher von Standpunkten der Parteien und Verbände abgrenzen sollen. Ohne nähere Angaben sind den schlichten Literaturverweisen diese und andere Unterschiede nicht zu entnehmen.
Dagegen überzeugt die bibliographische Weite der Textmaterialien. Sie reicht von Zeitungen und Magazinen über Websites, Fachzeitschriften, wissenschaftliche Handbücher und Monographien bis zu Veröffentlichungen der politischen Bildungsträger. Das Bildmaterial aus Fotos, Schaubildern, Tabellen und Grafiken ist reichlich, vielseitig und aussagekräftig. Besondere Anerkennung gebührt den klug ausgewählten und immer passend platzierten Karikaturen, die ein fester Bestandteil in der zuspitzenden Beobachtung des Zeitgeschehens, mithin der politischen Kultur sind. Sie laden zu lebhaften, problemgeschärften Interpretationen ein. Karikaturen wecken Aufmerksamkeit und bieten immer Anlass, Unterrichtsdiskussionen zielführend anzuregen.

Lernanforderungen, Didaktik und Wissenschaftlichkeit
Das Lehrbuch bietet sehr viel und verlangt ebensolches von den Schülerinnen und Schülern. Die Arbeitsvorschläge folgen einschlägigen fachdidaktischen Leitideen. Die Lernenden sollen aus schmalen Politik- und Wirtschaftseindrücken größere Wahrnehmungen entwickeln, hinter Lebensausschnitten gesellschaftliche Strukturen erkennen und den Unterrichtsstoff zusammenhängend erfassen. Tatsachenkenntnisse werden darauf begrenzt, lediglich den Ausgang für ein ausgedehntes Problembewusstsein zu bilden. Auf letzteres legt die Didaktik des Schulbuches besonderen Wert. Bei den Textmaterialien sind die Arbeitsvorschläge auf Verstehen, Analysieren, Diskutieren, Bewerten und selbständige Erweiterungen des jeweiligen Themas angelegt. Das generelle Ziel besteht darin, die Schülerinnen und Schüler zu einem eigenen, differenzierten Urteil hinzuführen. Die dafür vorgegebenen Methoden sind modern und vielfältig, erzeugen wiederholt erfrischende Anschaulichkeit, vereinigen theoretische und praktische Erkenntnisweisen. Im Einzelnen zählen dazu Textkritik und Textanalyse, Rollenspiele und Gruppenarbeit, Internetrecherchen und Befragungen vor Ort, Modelldenken und Gesprächsführung. Die Erstellung eines „business plan“ dürfte der Einübung unternehmerischen Denkens zwar etwas vorgreifen. Doch diese Aufgabe spricht für die methodische Aufgeschlossenheit der Autoren, die sich z.B. auch in der Anleitung für die Durchführung einer Talkshow ausdrückt.
Die nicht nur problemorientierten, sondern auch Handlungserfahrungen bereithaltenden Arbeitsvorschläge ermöglichen es den Schülerinnen und Schülern, einen lebensnahen und unverstellten Zugang zu Politik und Wirtschaft zu finden. Damit wird eine gute Voraussetzung geschaffen, anschließend komplexere Funktions- und Ordnungsprinzipien zu verstehen. Den Lernenden auf jeder Themendoppelseite die politische, wirtschaftliche und soziale Vielfalt der Demokratie ansichtig und verständlich zu machen, ist das auffallende Bemühen der Autoren. Die Vermittlung eines größeren Vorwissens steht dahinter zurück. Didaktisch und aufgabentechnisch ist damit absehbar, dass die Lehrkräfte im Unterricht Verständnislücken füllen müssen. Die Textbeiträge bilden oft nur Mosaiksteine, die allein für die Bewältigung anspruchsvoller Arbeitsaufträge nicht ausreichen.
Damit entgeht das Schulbuch freilich auch der Gefahr, in fachwissenschaftlicher Hinsicht zu übertreiben. Die Autoren zeigen am ehesten Nähe zur Politikwissenschaft und Anlehnung an deren grundlegende Literatur. Forschungskontroversen werden erwartungsgemäß ausgespart. Ein Schulbuch für den Sekundarbereich 1 ist von hinlänglicher Wissenschaftlichkeit, wenn es sich wie dieses solide Werk auf dem allgemeinen Stand der Forschung bewegt und die Fachsprache behutsam anwendet. Ein inhaltliches, methodisches und didaktisches Glanzlicht, das sich am Ende von Kapitel 7 über die Umbrüche der Erwerbsgesellschaft und die Schwierigkeiten der Sozialsysteme findet, soll schließlich nicht unerwähnt bleiben. Auf vier Themendoppelseiten – von der Entwicklung eigener Berufswünsche bis zum Vorstellungsgespräch – werden Fragen behandelt, die sich den Schülern auf ihrem Weg in die Arbeitswelt stellen. Damit wird ein unmittelbares Interesse für die Verhältnisse auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt geweckt. Überdies unterstützen viele hilfreiche Lernaufgaben die Berufsvorbereitung.

Gesamturteil
„Anstöße Politik“ ist der tiefstapelnde Titel für ein bemerkenswert umfassendes Schulbuch, das aus dem Durchschnitt der Lehrbuchliteratur für den gymnasialen Politikunterricht bis zur Klasse 10 herausragt. Die Schülerinnen und Schüler erwerben ein grundständiges Wissen über Politik und Wirtschaft. Vermittelt werden Kenntnisse und Fertigkeiten, die zur sachgerechten Bewertung der Gegebenheiten und Entwicklungen in diesen Gesellschaftsbereichen befähigen. Zu bemängeln ist eine manchmal zu ausschweifende Problembeschreibung auf Kosten der Orientierung. Lotsendienste des Lehrpersonals müssen hier für Ausgleich sorgen. Im engeren Sinn politischer Bildung wird Demokratie als gemeinsame Aufgabe der Bürger erfahren. Dass sich das demokratische Gemeinwesen mit vielen Möglichkeiten und der Notwendigkeit verantwortlicher Mitwirkung verbindet, dürfte den Lernenden deutlich in das Bewusstsein treten. Wirtschaftsthemen finden eine breite Berücksichtigung. Das Wesen der Marktwirtschaft wird in greifbaren Zusammenhängen mit der jugendlichen Lebenswelt beleuchtet. Vorwürfe der organisierten Wirtschaft, im Unterricht an deutschen Schulen würde das Verständnis für ökonomische Fragen vernachlässigt, sollten sich mit dem erfolgreichen Einsatz dieses Schulbuches erledigen.

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