Zurück zur Übersicht

Erdkunde, 9./10. Schuljahr, Realschule, Gesamtschule, Hauptschule

Heimat und Welt 9/10

Heimat und Welt 9/10
Herausgegeben von Colditz, Margit und Notburga Protze
Erschienen Braunschweig: Westermann, 2006
Seitenanzahl 224
ISBN 978-3-14-144913-6
Geeignet für Berlin
Rezensiert von Laubitz, Anika (Studentin), 5. July 2010
Projekt Leibniz Universität Hannover, Wintersemester 2009/10

Rezension von Laubitz, Anika (Studentin)


„Wir gehen mit unserer Erde um, als hätten wir mindestens eine zweite im Keller.“ Dazu das Bild der Erdkugel umringt von einer sintflutartigen Menge an Wasser, der Gefahr ausgesetzt von einer riesigen Welle vernichtet zu werden. Mit diesem dramatischen Einstiegsbild und dem für den Geographie-Unterricht sehr passenden Zitat beginnt das Schulbuch „Heimat und Welt“ für die Klassenstufen 9/10 in Berlin. Das Konzept der Nachhaltigkeit und Verantwortung gegenüber der Umwelt zieht sich gleichermaßen wie ein roter Faden durch das Schulbuch. Gleichzeitig wird, wie bereits auf der einleitenden Seite, sehr großer Wert auf Anschaulichkeit in Form der verschiedensten Materialien von Bildern über Diagramme bis hin zu Karten gelegt.

Erste Orientierung
Das vorliegende Schulbuch ist für die Schulformen Gesamtschule, Realschule und Hauptschule konzipiert. Insgesamt ist es durch eine Vielzahl unterschiedlicher Materialien ein sehr anschauliches und durchaus ansprechendes Werk. Der Einband überzeugt mit einem klaren Layout und hebt die Erdkugel in den Vordergrund. Die einzelnen Kapitel sind mit einem farblich verschiedenen Seitenkopf gekennzeichnet, wodurch die Navigation zwischen den Kapiteln erleichtert wird. Das Layout der einzelnen Seiten ist sehr einfach gehalten, mit klaren Linien und einer Anordnung der Bilder und Texte, die teilweise etwas unstrukturiert wirkt. Besondere Seiten, wie die Methodenseiten, Testseiten und die Zusammenfassungen der Kapitel sind durch die Hintergrundfarbe und durch die Größe des Seitenkopfes von den restlichen Seiten zu unterscheiden. Kleine Rauten auf den Seitenköpfen stellen durch Beschriftungen wie beispielsweise GEO-BIO mögliche Verknüpfungen zu anderen Unterrichtsfächern heraus.

Das Konzept
Auch wenn das Konzept des Lehrbuches nicht anhand eines kurzen einleitenden Textes vorgestellt wird, so ist es doch leicht zu erschließen. Bereits das Inhaltsverzeichnis gibt Auskunft über die Themen und zeigt auf, dass es besondere Seiten zur Vermittlung von Methoden innerhalb der Kapitel gibt, die mit „Gewusst wie“ betitelt sind. Seiten mit dem Titel „Alles klar?“ bieten den Schülerinnen und Schülern am Ende eines Kapitels die Möglichkeit, ihr gelerntes Wissen noch einmal spielerisch oder quizartig zu überprüfen. Unter dem Begriff „Das Wichtigste“ findet sich daran anschließend auf einer Seite eine knappe Zusammenfassungen der jeweiligen Kapitel unter der Hervorhebung der wichtigsten fachwissenschaftlichen Vokabeln. Diese Grundbegriffe wurden bereits auf jeder Doppelseite in einem Kasten unter dem Begriff „Merke“ zusammengetragen.
Insgesamt wurden die Themen der Jahrgänge 9/10 in vier große Kapitel unterteilt: „Amerika – Kontinent der Gegensätze“, „Leben in feuchten und wechselfeuchten Tropen“, „Zukunftsszenarien und Nachhaltigkeit“, „Deutschland in Europa“. Durch diese sehr reduzierte Anzahl von Kapiteln, wird ein Thema wie die Globalisierung dem Themenkomplex „Amerika“ zugeordnet, obwohl es auch zu anderen Räumen der Erde Bezüge gibt.
Jedes der vier Kapitel beginnt mit einer Auftaktdoppelseite. Auf dieser wird das jeweilige Kapitel mit einem zum Inhalt passenden Foto, einer Graphik oder einer Collage eingeleitet und in Form eines weiteren Inhaltsverzeichnis ein kurzer Überblick über die anstehenden Themen gegeben. Das Lehrwerk operiert mit dem allgemein verbreiteten Doppelseitenprinzip und verknüpft sehr gelungen die methodischen Einschübe mit den Themen. Alle Seiten enthalten einen Materialmix mit teilweise sehr knappen Texten, die Bezüge zu den anderen Materialien herstellen. Somit sind meist alle Materialien gut miteinander verknüpft. Den Bildern kommt dabei allerdings in den meisten Fällen nur die Rolle der Illustration der Texte zu. Auch wenn eine Transparenz der Lernziele auf den Doppelseiten fehlt, handelt es sich im Großen und Ganzen um ein interessantes und vertretbares Konzept.

Texte und Materialien
Die Texte sind fachlich korrekt, didaktisch reduziert und meist problemorientiert verfasst. An nur wenigen Stellen haben sich kleine Fehler eingeschlichen (z.B. eine Doppelung bei der Methodenerklärung auf S. 119). Für die Zielgruppe sind die Texte angemessen ausgewählt und verständlich formuliert.
Es gibt wie bereits erwähnt, eine ausgewogenen Vielfalt verschiedener Materialien, die von Zeitungsberichten über Karten, Fotos, Modellen, Tabellen, Diagrammen bis hin zu Skizzen zum Aufbau von Experimenten reichen. Teilweise wirken die Seiten dabei etwas überladen, und es ist schwierig sich einen schnellen Überblick über ein Thema zu verschaffen. Darüber hinaus werden nicht alle Materialien erklärt, und es mangelt an einigen Stellen an Daten. Quellenangaben finden sich nur im Abbildungsverzeichnis am Ende des Buches. Die Qualität der Bilder kann oft nicht überzeugen. Dadurch kann nicht der Eindruck entstehen, dass es sich um ein modernes Lehrwerk handelt.
Zur Ergänzung der Materialien finden sich auf vielen Seiten Internet-Links. Problematisch ist dabei, dass es für die Schülerinnen und Schüler keine Informationen darüber gibt, was für Informationen sich auf den angegebenen Homepages finden lassen und welche Institutionen sich hinter den Web-Adressen verbergen. Gerade im Bereich Internet ist es wichtig, den Schülerinnen und Schüler Hinweise zu geben, die sie auffordern, kritisch mit den zu findenden Informationen umzugehen.
Die Materialien im Buch werden methodisch erschlossen und besonders auf den sehr vielfältigen Methodenseiten lernen die Schüler unter anderem Karten und Texte zu interpretieren, Diagramme und Tabellen auszuwerten, detailreich Räume zu analysieren, Materialien in Hausarbeiten einzubauen und kritisch Argumente für ein Streitgespräch zu sammeln. Es findet somit eine Vermittlung der Methodenkompetenz statt. Besonders bei den Themen „Globalisierung“ und „Naturschutz“ wird zur Betrachtung aus unterschiedlichen Perspektiven angeregt. Dabei mangelt es aber häufig daran, Schülerinnen und Schüler selbst einen eigenen Standpunkt finden und begründen zu lassen.

Aufgaben
Die Aufgaben beziehen sich meist auf die Anforderungsbereiche I und II. Sie werden mit Operatoren wie „nenne“, „beschreibe“, „vergleiche“, „erkläre“ eingeleitet. Immer wieder leiten auch die unspezifischen W-Fragen eine Aufgabe ein. Nur selten ist die eigene Meinung der Schülerinnen und Schüler gefragt. So gibt es keine Aufforderung dazu „Stellung zu nehmen“ oder „zu beurteilen“. Auch die Hypothesenbildung ist kein Bestandteil der Aufgaben. Während die Aufgaben durchaus logisch aufeinander aufbauen und zur Erschließung eines Themas und zur Bildung eines Sachurteils führen, fehlt meist die kritische Urteilsfindung. Die Aufgaben weisen dabei verschiedene Schwierigkeitsgrade auf, verlangen aber nur selten einen Transfer zu anderen Räumen und Prozessen. In mehreren Aufgaben wird allerdings Bezug auf die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler genommen. Außerdem beziehen sich die Aufgaben nicht nur auf die gegebenen Materialien, sondern ermuntern die Schülerinnen und Schüler auch dazu, in weiteren Informationsquellen zu recherchieren, in der Zeitung nach Material zu suchen oder sich beispielsweise in einem Supermarkt über Soja-Produkte zu informieren.

Fachdidaktische Position
Im Lehrwerk „Heimat und Welt“ finden sich abwechslungsreiche Unterrichtskonzepte. So finden sich auf den Methodenseiten auch Anregungen für verschiedene Unterrichtsformen, wie Gruppenarbeiten, Experimente, Rollenspiele und Exkursionen. Wie bereits einleitend erwähnt, steht besonders das Konzept der Nachhaltigkeit im Vordergrund. Meist durch eine mehrperspektivische Sichtweise geprägt, wird den Schülern durch die Materialien ein verantwortungsbewusstes Verhalten vermittelt und somit die raumbezogene Handlungskompetenz der Schüler gestärkt, vor allem bei den Themen „Klimawandel“ und „Naturschutz“.
Die im Titel „Heimat und Welt“ suggerierte Verknüpfung von Nahraum und globaler Sichtweise, ist im Buch gut umgesetzt. Es werden regionale, nationale und globale Betrachtungsweisen berücksichtigt und in den einzelnen Kapiteln unterschiedlich stark betont. Während die ersten drei Kapitel mit Amerika, den Tropen und allgemeinen Zukunftsszenarien eher die globale Sichtweiser berücksichtigen, steht im vierten Kapitel „Deutschland in Europa“, vor allem der den Schülerinnen und Schülern bekannte Nahraum Berlin, im Mittelpunkt der Betrachtung. Europa und der eurozentrischen Sichtweise wird insgesamt ein sehr kleiner Raum eingeräumt.
Ein interessanter Punkt im Bereich der fachdidaktischen Position stellt die kurze Einführung in das Syndromkonzept dar. Anhand von Syndromen soll das komplexe Zusammenwirken vieler Faktoren vermittelt werden. Es geht dabei um verschiedene Ursache-Wirkungs-Muster, die an verschiedenen Stellen der Erde auftreten können. Dieses Konzept wird allerdings nur knapp auf einer Seite anhand von vier Beispielen eingeführt, ohne Aufgaben und ohne die explizite Anregung der Schülerinnen und Schüler dieses Konzept aufzugreifen und anzuwenden.

Fachwissenschaftliche Aktualität
Im vorliegenden Lehrwerk gibt es weder einen Schwerpunkt im Bereich der Physiogeographie noch im Bereich der Anthropogeographie. Bei den betrachteten Räumen werden sowohl die Landschaftsformen und ihre Genese betrachtet als auch wirtschaftliche Verknüpfungen und Stadtstrukturen. Der Bereich der Zukunftsszenarien befasst sich hauptsächlich mit physiogeographischen Themen, betrachtet aber auch anthropogene Einflussfaktoren und nachhaltige Lebensstile. Vielfach wird nicht nur die Ist-Situation betrachtet, sondern auch ein kleiner historischer Abriss gegeben. So findet sich unter anderem ein Exkurs zu Alexander von Humboldt, eine Auflistung der wichtigsten bisherigen Klimakonferenzen und Informationen zu verheerenden Naturkatastrophen. Gleichzeitig werden auch Blicke in die Zukunft geworfen und auf einer Methodenseite speziell in die Szenariotechnik eingeführt.

Fazit
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es sich bei dem vorliegenden Schulbuch „Heimat und Welt“ um ein interessantes Lehrwerk handelt, das aber auch Schwachstellen besitzt. Während das Konzept gut ist und vor allem eine intensive Verknüpfung von Methoden und Inhalten stattfindet, fördert das Buch in einem zu geringen Maße das problemorientierte Arbeiten von Schülerinnen und Schülern und vernachlässigt deren Urteilskompetenz.