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Geschichte, 7./8. Schuljahr, 9./10. Schuljahr, Gesamtschule, Gymnasium

Geschichte und Geschehen 1

Geschichte und Geschehen 1
Herausgegeben von Bischoff, Katharina et al.
Erschienen Stuttgart: Klett, 2008
Seitenanzahl 96
ISBN 978-3-12-411110-4
Geeignet für Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Saarland, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Hamburg, Bremen, Brandenburg, Berlin, Bayern, Thüringen
Rezensiert von Schnakenberg, Ulrich (Lehrer), 1. April 2009

Rezension von Schnakenberg, Ulrich (Lehrer)


Seit den letzten ein, zwei Jahren erscheinen in Deutschland immer mehr englischsprachige Geschichtsbücher für den bilingualen Unterricht – sehr zur Freude der „bili“-Lehrerinnen und -Lehrer, die ihre Unterrichtsmaterialien bislang sehr mühselig aus unterschiedlichen Quellen zusammensuchen und aufwändig adaptieren mussten. Dass die Verlage diese Marktlücke entdeckt und nach Cornelsen und Westermann[i] nun auch Klett ein bilinguales Geschichtslehrwerk vorlegt, ist nur zu begrüßen.

Konzept und Inhalt
Bei Geschichte und Geschehen. Bilingual handelt es sich eigentlich um kein Schul„buch“ im traditionellen Sinne. Aufmachung (Heftung, kein fester Einband) und Umfang (96 S.) erinnern eher an ein Themenheft, das sich in erster Linie an Schülerinnen und Schüler der achten, neunten und zehnten Klasse des Gymnasiums richtet.Naturgemäß können auf derart knappem Raum – trotz der teilweise sehr eng bedruckten Seiten – nicht alle obligatorischen Lehrplanthemen des dritten bzw. vierten Lernjahres Geschichte behandelt werden. Die Autorinnen und Autoren haben sich deshalb auf die Behandlung folgender Inhaltsfelder verständigt:

  1. The Weimar Republic and National Socialism
  2. The Cold War Era
  3. The reunification of Germany
  4. Europe between diversity and unity
  5. Living in a globalized world

Die offensichtlich strikten Seitenvorgaben des Verlages haben zudem zur Folge, dass die Weimarer Republik auf gerade einmal zweieinhalb Seiten abgehandelt wird und Themen wie die Sowjetunion und die Geschichte der beiden deutschen Staaten 1945-89 praktisch komplett herausfallen. Schnell wird deutlich, dass Geschichte und Geschehen. Bilingual das klassische Geschichtsbuch nicht ersetzen kann, sondern lediglich eine Auswahl an Darstellungstexten und Materialien zu einzelnen lehrplanrelevanten Bereichen liefert.

(Kapitel-) Aufbau
Jedes der fünf Kapitel wird durch eine Auftaktdoppelseite (ADS) eingeleitet. Diese weisen jeweils eine Karte, eine Zeitleiste sowie ca. vier zumeist ausreichend große Abbildungen (Fotos, Gemälde, Karikaturen, Faksimiles) auf. Eingeleitet werden sie durch einen knappen Text, an den sich zwei bis drei graphisch hervorgehobene Leitfragen anschließen.
Geschichte und Geschehen. Bilingual ist durchgehend nach dem Doppelseitenprinzip strukturiert, wobei sich der Anteil von Verfassertexten und Quellen ungefähr die Waage hält. Weitgehend gelungene Methodenseiten („skills“), ein Glossar („glossar[y])“ sowie ein Stichwortverzeichnis („index“) runden das Bild ab.

Didaktisches Konzept
Die das jeweilige Kapitel einleitenden Fragen zeigen, dass die Autorinnen und Autoren einen problemorientierten Zugriff auf die Vergangenheit verfolgen. Aber während zahlreiche Textquellen und Abbildungen problemorientiertes sowie multiperspektivisches Arbeiten ermöglichen (vgl. etwa die sehr gelungene Methodenseite zur Analyse einer DDR-Karikatur, S. 30, sowie das Thema „Cold War“), werden entsprechende Bemühungen durch viele eher farblose Verfassertexte konterkariert.

Darstellung
Schon die Überschriften der Unterkapitel wirken auf die Schülerinnen und Schüler wenig motivierend: „The Weimar Republic“, „Anti-Semitism and the Holocaust“, „Resistance in Nazi Germany“, „The Berlin Wall“ oder „The reunification process 1989/90“. Interesse oder Neugier werden so nicht geweckt, von einer Problemorientierung keine Spur. Das stumpfe Abhaken von Inhalten setzt sich in den Zwischenüberschriften fort, z.B. auf S. 31: „The policy of containment“, „The Berlin Blockade“, „The Korean War“, „The Cuban Missile Crisis“ und schließlich „The Vietnam War“. Keine interessante Formulierung, keine spannende Entscheidungsfrage oder Problemstellung. Stattdessen: Fakten, Fakten, Fakten.
Warum man das alles lernen soll, können auch die Verfassertexte selbst nicht überzeugend vermitteln: Sie beschränken sich ebenfalls auf die monotone Aneinanderreihung von Ereignissen. So kann es nicht gelingen, die Schülerinnen und Schüler zum Mit- und Weiterdenken zu bringen, ihn „in die heilsame Unruhe des Wissenwollens“ (Joachim Rohlfes) zu versetzen.
Und noch ein weiteres Manko weisen zahlreiche Darstellungstexte in Geschichte und Geschehen. Bilingual auf. Unbestreitbar ist die Richtigkeit der sachlichen Aussage das oberste Leitprinzip eines jeden Geschichtsbuchs (Wolfgang Marienfeld). Dass ein Lehrwerk auch sprachlich korrekt sein sollte, müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, ist es jedoch angesichts des enormen Zeitdrucks bei der Ausarbeitung G8-geeigneter Schulbücher immer weniger. Nicht nur, dass die Diktion der Autorinnen und Autoren teilweise recht holprig daherkommt, teilweise ist das Englisch schlicht falsch. Zwei kurze Auszüge aus mögen genügen:
„The first years after the First World War were marked by the search for new order. In autumn, the German army was in a hopeless situation, the people were dissatisfied and revolted against the monarch government. … Under these circumstances the acceptance of the republic remained low… In the following years Germany was able to improve economically and socially… groups from the right … were longing for a rebirth of a superior Germany.” (S. 10)
„A decisive political impulse came from the Soviet Union under their new leader from March 1985, Michael Gorbatchev [sic]. He called for a new age of ‘Glasnost’ (transparency) and ‘Perestroika’ (transformation), for no longer keeping silence [sic] about national problems and difficulties but rather for reforming, solving them.” (S. 48)
Solche Formulierungen sind extrem ärgerlich; von einem renommierten Schulbuchverlag hätte man sich eigentlich ein besseres fremdsprachliches Lektorat gewünscht.

Quellenauswahl und –präsentation
Geschichte und Geschehen. Bilingual
weist umfangreiches und i. d. R. gut ausgewähltes, häufig auch unverbrauchtes Quellenmaterial auf. Erwähnt werden sollten hier die vielen erfrischenden Karikaturen (S. 30, 37, 54) – auch wenn teilweise Angaben zum Autor, Entstehungsdatum und Publikationsort fehlen (S. 23, 81, 88).
Neben englischsprachigen Originalquellen finden sich häufig auch ins Englische übersetzte deutsche Textquellen. Letzteres ist didaktisch problematisch. Warum belässt man deutsche Quellen nicht im Original – wie das mit Ulbrichts berühmter Pressekonferenz vom 15.6.1961 geschieht (S. 43)? Ist nicht jede Übersetzung schon eine Interpretation?
Dass viele Materialien aus dem Internet stammen, ist für einige Kollegen sicherlich gewöhnungsbedürftig, stellt aber kein Problem dar, solange zuverlässige Seiten zitiert werden. Dass Wikipedia nicht zu den zuverlässigen Internetseiten gehört, sollte sich inzwischen eigentlich herumgesprochen haben (vgl. Materialien 3 und 7 S. 43 und S. 71).
Trotz der insgesamt gelungenen Quellenauswahl und –präsentation muss zuletzt noch auf zwei sachliche Fehler in den Material- bzw. Methodenteilen hingewiesen werden. Zum einen ist das Foto des Brandenburger Tors aus dem August 1961 (ADS, S. 38) nicht, wie die Bildunterschrift besagt, aus der östlichen, sondern aus der westlichen Perspektive aufgenommen. Zum anderen weist die Methodenseite „How to analyse statistics“ (S. 78) mehrere gravierende Fehler auf: Während bei M 3 die Prozentangaben nicht mit der Größe der jeweiligen Tortenstücke des Kreisdiagramms übereinstimmen, sind M 2, M 4 und M 5 aufgrund fehlender Angaben nur schwer bis gar nicht verständlich.[ii]http://webtest.gei.de/#_edn2

Spezielle Anforderungen eines „bili“-Lehrwerks
Wie steht es nun um die Eignung von Geschichte und Geschehen. Bilingual für den bilingualen Unterricht, der ja, Stichwort „scaffolding“, ganz spezielle Anforderungen an ein Schulbuch stellt? Auch hier bietet sich ein eher ambivalentes Bild. So sind die Arbeitsaufträge zu den Materialien zwar überwiegend präzise formuliert, orientieren sich aber noch zu stark an der Didaktik und Methodik des muttersprachlichen und zu wenig an den Bedürfnissen des bilingualen Geschichtsunterrichts. Wünschenswert wären mehr hinführende Aufgaben aus den Bereichen Reproduktion und Reorganisation gewesen – wie sie Manfred Wildhage in seine zahlreichen Publikationen vorgestellt und in Invitation to History umgesetzt hat.
Äußerst positiv hervorzuheben ist andererseits die Tatsache, dass Geschichte und Geschehen. Bilingual alle Fachbegriffe in beiden Sprachen – Deutsch und Englisch – vermittelt. Zusätzliche Vokabelerklärungen tragen zudem dazu bei, dass die Lernenden die zentralen Aussagen der Texte ohne allzu großen Aufwand erschließen sollten.
Was die Auswahl der Themen betrifft, bemühen sich die Autorinnen und Autoren erfolgreich um eine Förderung des gerade im bilingualen Geschichtsunterricht ertragreichen interkulturellen Lernens. So wird die Europäische Integration anhand der Geschichte der Bezugskultur (Großbritannien) verdeutlicht (S. 64-67); für die Globalisierung der Welt seit 1945 werden Beispiele aus Indien (S. 76f) und Afrika (S. 79-82) herangezogen.
Last but not least wird durchgängig – und in den Materialteil integriert, nicht am Ende des Buches versteckt, dringend notwendiges „working vocabulary“ zur Verbalisierung von Quellen und Darstellung bereitgestellt.

Fazit
Bei Geschichte und Geschehen. Bilingual handelt es sich um eine recht gute Materialfundgrube für den bilingualen Mittelstufenunterricht, ein Einsatz des Heftes in einem bilingualen Modul in der Oberstufe ist ebenso denkbar. Eine Verwendung als ausschließlich genutztes Schulbuch verbietet sich dagegen allein schon aufgrund der extremen inhaltlichen Reduzierung – ganz abgesehen davon, dass Geschichte und Geschehen. Bilingual extrem stark politikgeschichtlich ausgerichtet ist und Sozial-, Geschlechter-, Umwelt- und Kulturgeschichte praktisch nicht vorkommen.
Neben der Tatsache, dass das Heft wichtige Impulse aus der bilingualen Didaktik zwar aufgegriffen, aber noch nicht konsequent umgesetzt hat, sind die überfrachteten, abstrakten und teilweise sprachlich holprigen Verfassertexte das größte Manko von Geschichte und Geschehen. Bilingual.


http://webtest.gei.de/#_ednref1[i] Zu Materialien für den bilingualen Unterricht vgl. die Rezension des GEI unter http://www.gei.de/index.php?id=1206, zu Exploring History 1 vgl. Ulrich Schnakenberg, „Hinter den Möglichkeiten geblieben. Besprechung von ‚Exploring History 1’“, in: Geschichte lernen (Friedrich Verlag), Heft 124, 2008 („Kreuzzüge“), S. 63-64, sowie http://www.gei.de/index.php?id=1205
[ii] Ausgerechnet diese Seite bietet Klett auf seiner Homepage als Probeseite an: http://www.klett.de/sixcms/media.php/8/411110_s78_79.pdf