Zurück zur Übersicht

Sozialkunde / Politik, Andere Schulart

This is Citizenship 3

This is Citizenship 3
Herausgegeben von Fiehn, Julia und Terry Fiehn
Erschienen Oxon, UK: Hodder Education, 2010
Seitenanzahl 96
ISBN 978-0-340-94715-9
Rezensiert von Schuler, Jason (Student), 2. Januar 2012
Projekt Leibniz Universität Hannover, Sommersemester 2011

Rezension von Schuler, Jason (Student)


Einleitung
Obwohl das Leben durch das Voranschreiten der Globalisierung und ein immer mehr sowohl politisch als auch ökonomisch zusammenwachsendes Europa geprägt wird, genießt bilingualer Fachunterricht in Politik und Wirtschaft immer noch ein Schattendasein. Dies spiegelt sich in der Anzahl der auf den bilingualen Politik/Wirtschaft-Unterricht zugeschnittenen Schulbücher wider. Anstatt auf Lehrwerke der gängigen Schulbuchverlage zurückgreifen zu können, die bereits auf die Curricula abgestimmt sind, müssen Lehrer eigene Materialien zusammentragen oder englischsprachige „Civics and Government“ Schulbücher aus den USA oder der UK verwenden, die meist Politikunterricht nicht als umfassendes Fach verstehen, sondern als Mittel, Schülerinnen und Schüler über ihre Recht und Pflichten aufzuklären und sie über relevante bundes-, nationalstaatliche und möglicherweise internationale Institutionen zu informieren. Ein solches Werk aus Großbritannien ist „This is Citizenship 3 – Pupil's Book, Second Edition“ von Julia und Terry Fiehn, das hier rezensiert wird.

Konzept/Aufbau
„This is Citizenship 3“ ist das letzte von drei Schulbüchern in der auf das nationale Curriculum zugeschnittenen Schulbuchreihe für die Jahrgänge 7 bis  9 vom Verlag Hodder Education. Dieser versucht, eine Schulbuchreihe für den Citizenship Unterricht anzubieten, die interaktiv gestaltet und möglichst schülerorientiert ist. Zusätzlich zum Pupil's Book bietet der Verlag ein Teacher's Manual mit Anregungen zur Unterrichtsgestaltung vor allem für fachfremde Lehrer und weitere Zusatzmaterialien auf der Internetplattform Dynamic Learning an. Durch das Dynamic Learning hat der Lehrer zusätzlich Zugriff auf alle Inhalte der Lehrer- und Schüler-Bücher in digitalisierter Form und kann diese nach Belieben ändern und ergänzen. Die Plattform bietet sowohl Anweisungen zum richtigen Umgang mit dem Buch in verschiedenen Unterrichtsituationen als auch Informationen über den Aufbau des Buches und dessen didaktische Ansätze.
Das hier rezensierte Pupil's Book gliedert sich thematisch in drei Sections:
Section 1- Rights and responsibilities, justice and fairness
Section 2 – National government and national politics
Section 3 – Britain and the world
Jede Section beginnt mit einem Einstieg (Einzel- oder Doppelseite) in die jeweilige Thematik, die anhand einer Karikatur oder Fotografie in Szene gesetzt wird. Diese werfen weiterführende Fragen zum Thema auf und werden auf derselben Seite durch Autorentexte konkretisiert und ergänzt. Zusätzlich bieten die Einstiegsseiten eine kurze Vokabelliste, welche für „English as a Second Language“ (ESL)-Schülerinnern und Schüler zur Orientierung sicherlich hilfreich ist, und eine Auflistung der im Kapitel für die Schülerinnen und Schüler anzueignenden „Skills“ z.B. How to negotiate (S. 1) oder How to make a convincing argument (S. 31). Die Unterkapitel folgen einem ähnlichen Muster: entweder auch mit einleitenden Karikaturen bzw. Fotografien und Autorentexten mit anschließenden Diskussionsthemen und/oder Schüler-Aktivitäten. Teilweise dienen diese Aktivitäten- und  Diskussionsaufgaben auch zur Sicherung des Lerninhaltes. Am Ende jeder Section gibt es eine Review-Seite, die die Schülerinnen und Schüler sowohl zur Selbstreflektion und Bewertung des eigenen Lernfortschritts anregen als auch der Sicherung bedeutungsvoller Inhalte dienen soll.
Gestalterisch bietet das Buch eine klare Strukturierung der Kapitel und der einzelnen Seiten sowie einen qualitativ hochwertigen Druck. Die einzelnen Kapitel sind farblich gekennzeichnet und bis auf einige wenige Seiten wirkt das Layout aufgeräumt und klar gegliedert, so dass sich Schülerinnen und Schüler leicht zurechtfinden können. Die im Buch angesprochenen Inhalte sind schülerorientiert gewählt bzw. präsentiert und meist problemorientiert aufgebaut. Die vielen Aktivitäten, die in kleinen Gruppen oder individuell erledigt werden sollen und die vielen Diskussionsthemen können sicherlich zu einem lebhaften Unterricht beitragen.

Autorentext
Die Autorentexte stellen den Großteil der im Buch enthaltenen Texte dar, sind relativ kurz – meistens nicht länger als eine halbe Seite, sprachlich einfach gehalten und sollten nur abschnittsweise ESL-Schülerinnen und Schülern Schwierigkeiten bereiten. Die Texte beinhalten die wesentlichen Informationen zu den präsentierten Themen, verzichten dabei aber auf eine komplexere Betrachtung wie die geschichtliche/politische Entwicklung eines Sachverhalts. Die wichtigsten Vokabeln werden im Text durch Fettschrift hervorgehoben, allerdings – vor allem für den bilingualen Unterricht – leider unzureichend. Die Vokabeln sind verständlicherweise zudem nicht annotiert, aber mit zusätzlicher Hilfestellung  sind die Texte  relativ leicht von ESL-Schülerinnen und Schülern zu bewältigen. Die Autorentexte legen viel Wert darauf, bei komplexen Sachverhalten und Standpunkten Multiperspektivität herzustellen. Hierzu bieten die Texte konkurrierende Standpunkte und fordern die Schülerinnen und Schüler auf, diese zu legitimieren oder zu widerlegen und sie mit ihren eigenen Wertvorstellungen und Meinungen zu vergleichen.

Quellen und Materialien
Die im Buch präsentierten Materialien bestehen hauptsächlich aus Autorentexten, Karikaturen und vom Verlag gefertigten Zeichnungen. Fotografien von Politikern, Protesten, und anderen Ereignissen werden gelegentlich eingesetzt und kommen nur verstärkt vor, wenn Themen mit „bekannten“ politischen Persönlichkeiten angeführt werden, z.B. in Kapitel 2.8 „Does the monarchy have a future in the UK?“ oder auch in den letzten drei Unterkapiteln, wenn die Aufgaben der U.N. und die internationale Konfliktbewältigung angesprochen werden. Wünschenswert wäre eine häufigere Verwendung von Fotografien auch um die – für eine 9. Klasse – oft kindlich wirkenden Karikaturen zu ersetzen. Leider kommt auch die Verwendung von realen Quellen wie Zeitungsausschnitten oder aufgezeichneten Berichten sehr kurz.  Nur im Kapitel 3.2 „Britain and the European Union“ werden diese verwendet um einseitige Berichterstattung zu identifizieren (hauptsächlich Auszüge aus der Boulevard-Presse; S. 77, 78). Hinzu kommen die seltene Verwendung von „echten“ Zitaten und die häufigere Verwendung von Zitaten, die sich bei näherer Betrachtung als weitere Autorentexte entpuppen. Auch enttäuschend ist das Fehlen von Diagrammen und anderen Illustrationen um Tendenzen und Entwicklungen aufzeigen.  Diese kommen im gesamten Buch nur einmal vor (S. 69). Positiv anzumerken sind hingegen die Verweise auf Internetseiten, um zu weiterführenden Informationen zu gelangen.

Aufgabenstellungen
Die Vielfalt an Aufgabenstellungen, die z.B. zu Einzel-, Partner-, und Gruppenarbeit und Diskussionsrunden im Plenum auffordern, bedienen alle drei Anforderungsbereiche und bieten den Schülerinnen und Schülern Interaktivität und Abwechslung. Leider kommen diese in relativ kurzen Abständen – sogar in den meisten Fällen aufeinanderfolgend – so dass wenig „Luft“ zwischen den Erarbeitungsphasen gegeben wird und die Abgrenzung zwischen den einzelnen Einstiegs-, Erarbeitungs- und Zusammenfassungsphasen nicht immer gewährleistet ist. Ebenfalls negativ fällt auf, dass die Aufgabenstellungen sich fast ausschließlich an den im Buch enthaltenen Informationen orientieren und nur gelegentlich Aufgaben anbieten, die mit externen Hilfswerken zu lösen wären. Sehr positiv anzumerken sind hingegen einige handlungsorientierte Aufgaben wie Mock Elections oder Briefe an kommunale Politiker und MPs. Allerdings werden die meisten Aufgabenstellungen mit „W-Wörten“ anstatt mit präziseren Operatoren gestellt. Und, wenn auch gut gemeint, die Aufgaben zur Selbstkontrolle bzw. Selbstreflektion auf den Review-Seiten bieten keine Anhaltspunkte für eine begründete Selbstevaluation, da die Auswertung des eigenen Lernfortschritts ohne erkennbare konkrete Leistungsmerkmale erfolgt. Hier fallen auch die wenigen Fragen zum Verständnis negativ auf, da sie weder im Anforderungsniveau noch im Aufgabentyp (True or False) anspruchsvoll erscheinen.

Fachdidaktische Aspekte
Viele der zentralen fachdidaktischen Prinzipien werden im Buch berücksichtigt. Besonders hervorzuheben sind die Schülerorientierung und die Multiperspektivität, die vor allem in Kapitel 1 „Rights and responsibilities, justice and fairness“ Berücksichtigung finden.  Auch die Thematisierung durch Bilder und Zeichnungen erfolgt multiperspektivisch und berücksichtigt zugleich das Prinzip der Kontroversität. Ebenfalls positiv anzumerken sind die vielen handlungsorientierten Ansätze, z.B. „Developing your skills of responsible action: Get your views heard on local issues“ (S. 55).  Leider werden die meisten Themen in sehr vereinfachter Form und meist deduktiv präsentiert. Exemplarisch hierfür ist S. 76, auf der die Vor- und Nachteile der EU vorgegeben werden, anstatt deren Erschließung durch induktive Schüler-Erarbeitungphasen anzuleiten. Wie schon erwähnt, fällt auch die seltene Verwendung von Quellentexten negativ auf.  Zudem ist anzumerken, dass die fachspezifischen Methoden aus dem Kompetenzbereich Erkenntnisgewinnung (Politikzyklen und das Kreislaufmodell) nicht eingesetzt und geübt werden.

Fachwissenschaftliche Aspekte
Die fachwissenschaftliche Ausrichtung des Bandes ist vielleicht die größte Hürde für dessen Einsatz im deutschen/niedersächsischen Schulunterricht. Erstens hat das Fach Politik und Wirtschaft an deutschen Schulen ein anderes Selbstverständnis als Citizenship in Großbritannien oder Civics and Government in den USA. Das Fach wird in diesen Ländern meist nur modular unterrichtet und ist so in seinem Umfang und seiner Reichweite begrenzt. Aus diesem Grunde bezieht sich der Unterricht in diesen Ländern nur auf wesentliche Inhalte über Bürgerrechte/-pflichten und  Institutionen, an deutschen Schulen wird hingegen eine umfangreichere und wissenschaftlichere Betrachtungsweise angestrebt. Zweitens ist der Einsatz des Buches im niedersächsischen Politik/Wirtschaft-Unterricht problematisch, da die wirtschaftliche Seite des Faches fast vollständig fehlt. Kaum wird das Spannungsfeld zwischen Politik und Wirtschaft bei der Thematisierung politischer Themen aufgegriffen. Drittens stellt die Themenwahl eine weitere große Hürde dar. Nur die Themen in Section 1 eignen sich (mit Ausnahme Kap. 1.3 „Rights and the police“) mit wenigen Ergänzungen bzw. Änderungen für den Politikunterricht in Deutschland und können auch auf die in dem niedersächsischen gymnasialen Curriculum vorgegebenen Themen für den Jahrgang 8 Der Jugendliche im Wirtschaftsgeschehen und seine Stellung in der Rechtsordnung und Politik im Nahbereich zumindest teilweise angepasst werden. Schwieriger ist die Verwendung von Section 2 „National government and national politics“, die nur auf britische politische Parteien und Institutionen abzielt. Ähnlich problematisch ist Section 3 „Britain and the world“, die die meisten internationalen Probleme, Konflikte und Institutionen aus nationalstaatlicher Sichtweise betrachtet. Die beiden letzten Sections können nur Verwendung finden, wenn Politik und politisches System Großbritanniens  zum Unterrichtsthema gemacht  und/oder  mit der deutschen Sichtweise verglichen werden. Allerdings wären solche Themen sicherlich eher für ältere Klassen geeignet (z.B. Gymnasium Klasse 10, Thema 10/2 Politik und Wirtschaft in der EU), wobei die im Buch präsentierten Darstellungen dann für diese höheren Klassen nicht mehr altersgemäß sind.

Fazit
„This is Citizenship 3“ eignet sich nur bedingt für den Einsatz an niedersächsischen Schulen. Das Fehlen der wirtschaftlichen Seite des Faches, die unterschiedliche fachwissenschaftliche Ausrichtung und die Themenwahl machen die Anschaffung des Schülerbuches als ständiges Begleitwerk für den bilingualen Sachfachunterricht problematisch. Allerdings können einzelne Themen durchaus herausgenommen und in leicht veränderter Form verwendet werden. In den meisten Fällen würde das vor allem Sinn im vergleichenden Einsatz machen um ähnliche und unterschiedliche Betrachtungsweisen und Standpunkte in Großbritannien und Deutschland anhand eines „authentischen“ Schulbuches aus dem englischsprachigen Raum hervorzuheben.