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Sozialkunde / Politik, Geschichte, Erdkunde, 7./8. Schuljahr, 9./10. Schuljahr, Hauptschule, Realschule, Gesamtschule, Gymnasium

EU for You!

EU for You!
Herausgegeben von Lahodynsky, Otmar und Wolfgang Böhm
Erschienen Wien: G & G, 2013
Seitenanzahl 128
ISBN 978-3-7074-0603-0
Rezensiert von Bischewski, Marret (Wissenschaftlerin), 6. November 2014

Rezension von Bischewski, Marret (Wissenschaftlerin)


Einleitung und Übersicht
Bei „EU for YOU!“ handelt es sich nicht um ein Schulbuch im eigentlichen Sinne, sondern um ein deutschsprachiges Sachbuch, welches seit 2006 vom österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur dennoch für den Unterricht der 4. bis 8. Klassen an Hauptschulen und an allgemeinbildenden höheren Schulen empfohlen wird. Es kann (je nach Schulform und Stufe) für die Fächer Geographie, Wirtschaftskunde, Geschichte und Sozialkunde/politische Bildung in Österreich eingesetzt werden. Es bietet eine Darstellung zu Aufgaben und Politik der Europäischen Union (EU), versteht sich dabei jedoch nicht als themenübergreifendes Lehrwerk für den Politikunterricht. Es richtet sich an Jugendliche und, laut Verlag, an „all jene, die sich ohne komplizierten EU-Jargon über europäische Institutionen und ihre Aufgabenbereiche informieren wollen“. Das Cover zeigt das Foto eines jungen Mannes, der sich mit einer Hand nach einem Stern reckt, welcher den Sternen der Flagge der EU nachempfunden ist.
Wie das einleitend abgedruckte Zitat des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Manuel Barroso verdeutlicht, bedeutet die EU stets „work in progress“ und das komplexe politische System befindet sich noch nicht am Endpunkt seiner Entwicklung. Daher stehen Lehrmaterialien, die sich mit der EU befassen, stets vor der Herausforderung, mit den aktuellen Entwicklungen Schritt zu halten. Schulbücher für den politischen Unterricht, die ein Kapitel zur EU enthalten, können allein aus Platzgründen nicht ausführlich auf alle relevanten Themen und Aspekte eingehen, zudem können die verwendeten Informationen und Materialien ggf. bei Abdruck bereits veraltet sein. Ein jugendgerechtes Sachbuch zur EU mit einem Umfang von 128 Seiten sollte zumindest mit der Herausforderung der thematischen Bandbreite besser umgehen können. Ob die Informationen der Ausgabe 2013 auf dem neusten Stand sind, soll in dieser Rezension diskutiert werden.
Da die EU mit dem Problem der Bürgerferne zu kämpfen hat, sollte die didaktische Gestaltung des Themas den Lebensweltbezug und die Schülerorientierung stark machen. Diese Aspekte wurden im Buch abgeklopft. Auch die Frage nach der Partizipation und die Darstellung der Europawahlen werden Thema der Besprechung sein, insbesondere da das aktive Wahlrecht für die Europawahl in Österreich bereits ab dem 16. Lebensjahr ausgeübt werden kann. Die Beteiligung am europäischen Willensbildungsprozess ist daher Teil der Lebenswelt der jungen europäischen Bürger*innen und eine ausführliche Darstellung des Themas kann als positiv im Sinne der Handlungsorientierung gewertet werden. Des Weiteren gilt die EU als komplex und schwer verständlich. Daher wurde bewertet, wie verständlich komplexe Sachverhalte dargestellt werden, ob es anschauliche Beispiele gibt und wie die Aufgaben zur Vertiefung des Gelernten konstruiert sind.

Inhaltlicher Aufbau
Das Buch umfasst vier größere Kapitel und startet mit dem Themenblock „So funktioniert die EU“, in dem die Institutionen der EU und ihre Aufgaben vorgestellt werden. Bereits im Inhaltsverzeichnis wird deutlich, dass die Tätigkeiten der Institutionen und ihrer Angestellten jeweils anhand von Beispielen illustriert werden sollen. Auch wird im ersten Unterkapitel („Ist die EU ein Moloch von Bürokraten?“) direkt das bekannte Vorurteil der EU als „überregulierende“ Bürokratie aufgegriffen. Im folgenden Kapitel „Die Aufgaben der EU“ werden die einzelnen Politikfelder, für die die EU zuständig ist, beleuchtet. Auch hier werden die verschiedenen Bereiche von Binnenmarkt über Regionalpolitik bis zur Außen- und Sicherheitspolitik jeweils mit Beispielen untermalt. Im nächsten Kapitel „Geschichte und Zeitgeschichte“ wird die historische Entwicklung der europäischen Integration ab dem Zweiten Weltkrieg bis zum aktuellen Reformvertrag von Lissabon thematisiert. Abschließend wird im letzten Kapitel „Österreich und die Union“ der eigene Beitritt zur EU samt der Herausforderungen und Verzögerungen beleuchtet. Im Anhang befindet sich eine Übersicht zu den Angeboten an praktischer und finanzieller Hilfe, die die EU Schüler*innen und Studierenden bietet, wie etwa Austauschprogramme, Berufspraktika sowie Angebote des politischen Lernens und der Beteiligung wie das Europäische Jugendparlament.
Insgesamt besticht das Werk nicht unbedingt durch ein innovatives Layout und die Komposition der Seiten ist einfach gehalten. Die Übersichtlichkeit wird dabei durch farbiges Absetzen der Materialien und Beispiele dennoch gut gewährleistet. Die verwendeten Fotos, die hauptsächlich Politiker*innen und die Gebäude der EU Institutionen zeigen, sind meistens in kleinem Format abgedruckt und erfüllen rein illustrative Zwecke. Teilweise wirkt die Auswahl der Fotos in Zusammenhang mit den gewählten Bildunterschriften sogar etwas ungeschickt, etwa auf S. 63, wo mit der Bildunterschrift „EU fördert Verkehrsprojekte“ ein Foto leerer Gleise und weiter unten mit der Bildunterschrift „EU fördert Jugendprojekte“ ein Foto einer Gruppe Jugendlicher – welches, der Mode nach zu urteilen, bereits aus den 1980er Jahren stammt – gezeigt werden.

Didaktische Aufbereitung
Da es sich nicht ausdrücklich um ein Schulbuch handelt, stellt die Aufbereitung von Arbeitsaufträgen und didaktischen Methoden erwartungsgemäß keinen Schwerpunkt des Werkes dar. Zum größten Teil besteht das Buch aus Autorentext, angereichert mit einigen Graphiken, Tabellen, Karten sowie Fotos. Weitere Materialien wie Zeitungsartikel oder Karikaturen kommen nicht vor. Innerhalb der Kapitel finden sich gar keine Arbeitsaufträge oder zu bearbeitende Materialien und auch keine speziellen Methodenseiten.
Vor Abschluss jeden Kapitels gibt es eine Zusammenfassung des Lernziels, das offenbar allein durch die Lektüre der Texte und Abbildungen, da es keine Vorschläge zu deren Bearbeitung gibt, erreicht werden sollte. Außerdem gibt es am Ende jeden Kapitels auf je einer Seite einen sogenannten „Wissens-Check“ in der hauptsächlich W-Fragen im Multiple-choice-Stil abgefragt werden. Die weiteren Aufgabenstellungen enthalten beinah ausschließlich auf Reproduktion abhebende Operatoren (zusammenfassen, beschreiben) sowie Aufforderungen zur persönlichen Meinungsäußerung (ohne eindeutige Operatoren) und keine klaren Anweisungen über das Endprodukt der zu bearbeitenden Aufgabe. Zudem gibt es jeweils eine „Internet-Aufgabe“, in der die Lernenden zur kapitelspezifischen Internet-Recherche aufgefordert werden. Auch hier bleibt das konkrete Produkt der Recherche meist unklar. Insbesondere die Internet-Aufgabe (S. 100) „Blättern Sie durch den Text des Lissabon-Vertrags. Durch welche Elemente wird die Bürgernähe gestärkt?“ erscheint für ein Leistungsniveau der Klassen 4 bis 8 zu unspezifisch und von Anspruch und Aufwand her ungeeignet. Eine Lehrkraft, die mit diesem Buch arbeiten möchte, sollte es daher eher als inhaltlichen Steinbruch und Materialsammlung betrachten und eigene Arbeitsaufträge formulieren.
Insgesamt sind die Texte im Buch sehr verständlich und anschaulich geschrieben und die Länge der Texte ist angemessen, so ziehen sich einzelne Beiträge selten über mehrere Seiten, was den Lesefluss behindern würde. Die Überschriften zu jedem Abschnitt erleichtern zudem den Überblick. Jedoch wird der journalistische Hintergrund bzw. Schreibstil der Autoren an einigen Stellen auch negativ deutlich. So wird durch die Verwendung bildhafter Sprache zwar ein Spannungsbogen aufgebaut, der für Lehrmaterialien ungewöhnlich ist, die zum Teil komplizierten Metaphern dürften dabei jedoch zu Missverständnissen bei einigen jungen Leser*innen führen. Schade ist außerdem, dass das Buch kein Glossar aufweist, da dieses die Suche nach bestimmten Themen und das Nachschlagen von Fachbegriffen erleichtern würde, auch da die thematische Bandbreite am Inhaltsverzeichnis allein nicht vollständig abgebildet wird.

Fachwissenschaftliche Einschätzung
Inhaltlich ist das Buch gut recherchiert und fachwissenschaftlich auf dem aktuellen Stand. In den Autorentexten werde wichtige Veränderungen im politischen System der EU (etwa der Debatte zur Verfassung der EU und dem Reformvertrag von Lissabon) gut dargestellt. Zu den einzelnen Politikbereichen und Aufgaben gibt es in der Regel anschauliche Beispiele, um die meist sperrigen Abläufe und Tätigkeiten verständlicher zu machen. Allerdings sind der Lebensweltbezug und die Schülerorientierung dabei nur teilweise gewährleistet. So etwa positiv im Abschnitt „Karriere in der EU-Verwaltung“, in dem Hinweise zu den Beschäftigungs- und Praktikumsmöglichkeiten in den EU-Institutionen für junge Leute gegeben werden. Oder im Abschnitt „EU stiftet Frieden zwischen Generationen“ (S. 66/67), in der über die Einrichtung einer EU-geförderten Freizeiteinrichtung für Jugendliche in Grenoble berichtet wird.
Bekannte Vorurteile zur EU, wie etwa die Vorstellung, dass es sich bei der EU um ein bürokratisches Monster mit übermäßig hohen Verwaltungskosten handele, oder dass das direkt gewählte EU-Parlament kaum Einfluss im Gesetzgebungsprozess habe, werden teilweise anschaulich entkräftet (z.B. S. 39 und S. 22). An anderer Stelle werden aber eben diese Vorurteile wieder reproduziert, etwa wenn der regelmäßige Umzug der EU-Parlamentsabgeordneten zwischen Brüssel und Straßburg als „Wanderzirkus“ bezeichnet wird oder wieder einmal die mittlerweile nicht mehr rechtskräftigte Verordnung zur Krümmung der Gurke beschworen wird (S. 24/25 und S. 31). Hier bedarf es im Unterricht sicherlich der Aufarbeitung dieser Vorurteile und Kontroversen durch die Lehrenden.
Leider verpassen die Autoren im Abschnitt zum EU-Parlament die Chance der ausführlichen Darstellung der Europawahl. Diese wird zwar erwähnt, aber das Wahlrecht der jungen EU-Bürger*innen wird nicht thematisiert, was insbesondere in einer Ausgabe aus dem Jahr 2013 – ein Jahr vor den nächsten anstehenden Wahlen – besonders schade ist. Positiv hervorzuheben ist jedoch die Beschreibung der Zusammensetzung des EU-Parlaments, in der der Anstieg des Frauenanteils seit der ersten Wahl 1979 thematisiert wird. Unter dem Thema „Demokratie und Recht“ werden ab S. 51 zudem die Bürgerrechte in der EU diskutiert sowie die mit dem Vertrag von Lissabon neu geschaffene Bürgerinitiative, das Petitionsrecht und der europäische Bürgerbeauftragte erläutert. Zum letzten Punkt gibt es (S. 55) ein empirisches Beispiel, in dem die Öffentlichkeit gegen die Missachtung von Gesundheitsschutzmaßnahmen durch lokale Behörden vorgegangen war, indem sie sich an den Bürgerbeauftragten wandte.

Fazit
Insgesamt gibt das Buch „EU for YOU!“ einen umfassenden und aktuellen Überblick über die Politik und Tätigkeitsfelder der EU und ist zum größten Teil gut verständlich verfasst. Allerdings scheint es aufgrund der wenig überzeugenden didaktischen Aufbereitung und der geringen Vielfalt an Materialien für den alleinigen Einsatz im Unterricht nicht geeignet. Als Nachschlagewerk (hier wäre eben ein Glossar wünschenswert) und als Diskussionsgrundlage, mit den entsprechenden fachdidaktischen Ergänzungen, kann es jedoch sicherlich problemlos eingesetzt werden. Das Problem der Bürgerferne und der Komplexität wird durch die verwendeten Beispiele im Vergleich zu anderen Lehrwerken eventuell verringert, allerdings schafft auch dieses Lehrwerk keine ganz neue Perspektive auf europäische Politik für junge Bürger*innen.