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Geschichte, 5./6. Schuljahr, 7./8. Schuljahr, 9./10. Schuljahr, Gymnasium

Das waren Zeiten 4

Das waren Zeiten 4
Herausgegeben von Brückner, Dieter und Harald Focke
Erschienen Bamberg: C. C. Buchner, 2010
Seitenanzahl 239
ISBN 978-3-7661-4454-6
Geeignet für Bayern
Rezensiert von Kruse, Marina (Studentin), 29. Dezember 2011
Projekt Leibniz Universität Hannover, Sommersemester 2011

Rezension von Kruse, Marina (Studentin)


Einleitung
„Arbeiter, Bürger, Bauern, Soldaten aller Stämme Deutschlands, vereinigt Euch zur Nationalversammlung“: das Lehrwerk „Das waren Zeiten 4“ verwendet bei der Einführung in die Themen durchgehend zeitgenössische Positionen in Form von Quellen, um das Interesse der Schülerinnen und Schüler zu wecken. So werden bereits auf den Auftaktseiten konträre Positionen aufgezeigt, die zusätzlich mit Bildquellen illustriert werden, um die Schülerinnen und Schüler zu animieren und ein problemorientiertes Lernen zu fördern. Diese Ausgabe des Buchner Verlags wurde für den 9. Jahrgang der Gymnasialstufe in Bayern konzipiert. Im Fokus stehen die unterschiedlichen Ideologien und Systeme des 20. Jahrhunderts sowohl im deutschsprachigen als auch im europäischen Raum. Das Schulbuch erfüllt die Anforderungen der curricularen Vorgaben für Bayern. Jahrgangsbezogene Vertiefungen wie „die Goldenen Zwanziger“ werden, sinnvoll auf einer Doppelseite komprimiert, ebenfalls behandelt. Zum Schulbuch wird ein Lehrerheft angeboten, welches Lösungen zu den Arbeitsvorschlägen sowie Zusatzinformationen enthält.
Die Bilder sind überwiegend von sehr guter Qualität, was das Erkennen von Details, wie z.B. auf S. 62, wo ein Arbeiter während der Zeit des Nationalsozialismus in der Masse nicht seinen Arm zum „Deutschen Gruß“ erhoben hat, erleichtert. Trotz alledem gibt es Ausnahmen, beispielsweise auf der Auftaktseite des Themas Nationalsozialismus S. 42, auf welcher das Bild stark verschwommen erscheint. Mit der verhältnismäßig großen Schriftgröße und einem ausgewogenen Verhältnis von Texten und Materialien ist gleichwohl ein lesefreundliches Layout erreicht worden. Das Buch ist als Hardcover gebunden und besticht mit 239 Seiten durch seine schmale Form.

Konzept und Aufbau
Gleich nach dem Inhaltsverzeichnis stellen die Autoren ihr Konzept vor. Auf den Vorsatzblättern am Anfang und am Ende des Buches werden zusätzlich Hilfestellungen zum Umgang mit den verschiedenen im Schulbuch dargestellten Aspekten zum Erwerb historischer Kompetenz gegeben, wie beispielsweise „Karikaturen entschlüsseln“ oder „Aufgaben verstehen und begreifen“. Bildquellen dienen nicht nur der Illustration, sondern beziehen sich auch auf die (Autoren-) Texte und sind schlüssig mit diesen verknüpft.
Die Auftaktseiten sind mit Bildern und Materialien altersangemessen gestaltet. Als sehr hilfreich erscheinen die Leitfragen auf allen Auftaktseiten, die den Schülerinnen und Schülern eine Orientierung für die Schwerpunkte der nächsten Seiten geben sollen. Im Lehrplan geforderte Themen sind gelb hinterlegt und ermöglichen eine Orientierung an den geforderten stofflichen Inhalten.
Farblich abgegrenzte Materialseiten sollen eine gute Möglichkeit zum Selbstlernen bieten, indem durch Arbeitsvorschläge oder Materialien Anregungen gegeben werden. Ein aufgabenbezogener Zusammenhang zwischen Bildmaterial und Textmaterial wird jedoch lediglich auf diesen Seiten hergestellt, die übrigen Seiten sind ausschließlich ohne Aufgaben für den Unterricht konzipiert worden. Somit sind die Materialseiten am ehesten für die Bearbeitung im Unterricht geeignet, um die Lehrkraft von einer ständigen Eigenkonzipierung der Aufgaben zum Schulbuchinhalt zu entlasten. Dies würde die Möglichkeit der Schülerinnen und Schüler zum Selbstlernen allerdings einschränken. Eine Konzipierung von Seiten mit Aufgaben zur Behandlung im Unterricht sowie eigener Materialseiten zum Selbstlernen wäre wahrscheinlich hilfreicher gewesen.
Das Schulbuch ist in Groß- mit jeweiligen Teilkapiteln unterteilt. Der Aufbau ist übersichtlich, da Auftaktdoppelseiten mit Bildern und Quellenauszügen in das übergeordnete Thema einführen. Durch die Schriftgröße von den übrigen Überschriften abgegrenzt wird ein neues Teilthema eingeleitet, das nach dem Doppelseitenprinzip mit Autorentext und Bildern sowie häufig mit anschließenden Materialseiten behandelt wird. Am Ende der Großkapitel werden auf einer Doppelseite die Kernpunkte des vorangegangenen Themas behandelt („Was war wichtig?“), und die Schülerinnen und Schüler können ihr fachliches Wissen sowie ihre Kompetenzen anhand eines farblich abgegrenzten Rasters prüfen, das Aufschluss darüber gibt, über welche Fähigkeiten sie nach Abschluss des Kapitels verfügen sollten. Kurze Zusammenfassungen sichern die stofflichen Inhalte und ein Zeitstrahl gibt einen Überblick über den behandelten Zeitraum.
Innerhalb der Kapitel sind Lerntipps gekennzeichnet, die auf vertiefende Informationen z.B. im Internet hinweisen oder Impulse zur Materialbearbeitung setzen. Vertiefungsseiten bieten Möglichkeiten zur eingehenderen Betrachtung des Themas. Auch Tipps innerhalb der Bücher sollen die Schülerinnen und Schüler zu zusätzlicher Auseinandersetzung mit dem Thema anregen. Worterklärungen innerhalb der Materialien und Texte sollen das Verstehen der Inhalte sichern. Am Ende des Buches werden auf Vertiefungsseiten Regionalbezüge hergestellt, was aufgrund des Nachweises örtlich naher Ereignisse der im Schulbuch behandelten Themen das Geschichtsbewusstsein der Schülerinnen und Schüler zusätzlich stärkt.
Äußerst hilfreich sind zudem der Begriffs- und Personenglossar sowie eine Doppelseite mit dem Grundwissen der Jahrgangsstufen 6 bis 9, was ein schnelles Nachschlagen nicht (mehr) bekannter Aspekte ermöglichen soll. Ein Stichwortverzeichnis gibt die Gelegenheit zum schnellen Nachschlagen der Themen.
Autorentext
Durch Zwischenüberschriften innerhalb der Autorentexte soll eine schnelle Orientierung für den Schüler oder die Schülerin gewährleistet werden. Mit Hilfe von Worterklärungen wird die Fachsprache angemessen eingeführt. Trotz alledem wirkt die Darstellung sehr komprimiert und informationslastig, was einen schnellen Zugang zum Text erschwert. Die Darstellung erfolgt im Allgemeinen objektiv, wenn auch nicht immer vollständig werturteilsfrei. So wird beispielsweise auf S. 133 der Fakt, dass Fachleute aus z.B. der Industrie für faschistische Vergehen nicht bestraft wurden, als ungerecht eingestuft.
Die Darstellungen der Autoren sind problemorientiert und konkurrierende Standpunkte wie die der USA und der ehemaligen Sowjetunion zur Zeit des Ost-West-Gegensatzes werden gleichermaßen erläutert. Hierbei wurde der Versuch unternommen, die Systeme gegenüberzustellen, sodass die Schülerinnen und Schüler eigene Standpunkte entwickeln können. So werden beispielsweise auf S. 116 die Regierungssysteme der USA und der Sowjetunion gegenübergestellt. Auch auf den mit Autorentexten versehenen Seiten werden Bildquellen als zusätzliche Möglichkeit zur Informationsgewinnung verwendet. Auf diese Weise werden den Schülerinnen und Schülern verschiedene Zugangsmöglichkeiten zum Thema ermöglicht.

Quellen und Materialien
Es besteht eine ausgewogene Mischung zwischen Texten und Materialien. Eine weitere Differenzierung zwischen Material und Quelle findet allerdings nicht statt. Die Materialien sind vielfältig und reichen von Briefen über Bilder aus der jeweiligen Zeit bis hin zu Karikaturen und Karten zur Veranschaulichung von z.B. der Ausdehnung des sowjetischen Herrschaftsbereiches in Europa (S. 121). Auch die Vielfalt von Bildquellen ist angemessen: so können die Schülerinnen und Schüler etwa auf einer Doppelseite mit einem Ölgemälde von Felix Nussbaum, einer Landkarte und einem Foto von 1944 arbeiten (S. 94f.). Als sehr positiv hervorzuheben ist, dass Bilder nicht nur zur Illustration verwendet werden, sondern Informationen wie das Entstehungsdatum, ggf. die Künstler oder Sachinformationen angegeben sind und zusätzliche Aufgabenstellungen zur Arbeit mit den Bildern anregen (z.B. S. 94).
Es wurden häufig Quellen gewählt, die verschiedene Perspektiven darstellen: somit tragen diese zur Multiperspektivität bei (siehe z.B. S. 43). Die Quellen sind verständlich und haben eine angemessene Länge. Eine Doppelung mit dem Autorentext findet nicht statt. Wie bereits erwähnt wird zu kritischer Quellenanalyse angeleitet; dies wird auch durch Aufgabenstellungen erreicht, die auf die Gegensätzlichkeit der Quellen aufmerksam machen (z.B. S. 164). Gleich auf der darauffolgenden Seite werden die Schülerinnen und Schüler in ihrer Bildanalysekompetenz geschult, indem sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass oft nur Bildausschnitte gezeigt werden – dies ist verbunden mit einer Aufgabenstellung, die dazu auffordert, die Veränderung der Wirkung des Bildes bei veränderter Darstellung zu beschreiben.
Durch die Materialienseiten und die zusätzlichen Lerntipps lernen die Schülerinnen und Schüler angemessen mit Materialien umzugehen. Eine Neuheit ist die Rubrik „Geschichte in Clips“, die den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben soll, das im Buch behandelte Thema anhand eines Videos im Internet weiter zu vertiefen. Die Videos, wie z.B. der Beitrag zum Volksaufstand in der DDR, sind aufgrund der einseitigen schwarzweiß-Darstellung und wenig anregenden Präsentation (sowohl sprachlich als auch bildlich) jedoch eher ungeeignet für einen 9. Jahrgang. Internet- und Exkursionstipps bieten auch der Lehrkraft zusätzliche Anregungen für Vertiefungen zum Thema.
Durch Internettipps oder auch Anmerkungen zu Quellen, wie z.B. der Bildquelle auf S. 149, die suggeriert, dass es ohne die „Mütter des Grundgesetzes“ vielleicht keine Gleichberechtigung von Männern und Frauen gäbe, wird das Geschichtsbewusstsein der Schülerinnen und Schüler gestärkt.

Aufgabenstellungen
Die Aufgabenstellungen verwenden die Operatoren und orientieren sich grundlegend an den drei Anforderungsbereichen. In der Regel bauen die Fragen aufeinander auf, sodass erst die Sachanalyse, dann ein Sachurteil und anschließend eine historisches Werturteil gebildet werden muss. Die Aufgaben beziehen sich nicht auf die Autorentexte, die somit eher als Zusatzinformation zu den ausgewählten Materialien gesehen werden müssen. Dies ist ungünstig, da das Verständnis der Autorentexte nicht direkt durch Aufgaben überprüft werden kann sondern von der Lehrkraft zusätzlich gesichert werden muss.
Besonders auf den Lerntipps-Seiten können die Schülerinnen und Schüler ihre Methodenkompetenz schulen. So werden auf S. 93 Briefe als Quellen abgebildet: es handelt sich um zwei Briefe derselben Person, welche dasselbe Ereignis in den Briefen, die an verschiedene Empfänger adressiert sind, jeweils anders beschreibt. Diese Seite schult beispielsweise den kritischen Umgang mit Quellen. Auf S. 83 wird zusätzlich der Umgang mit fremdsprachigen Quellen geübt, was interkulturelles Lernen fördert.
Auf den Lerntipps-Seiten wird die Methodenkompetenz der Schülerinnen und Schüler folglich sehr gut geschult, zudem gibt es durch die „Lerntipps“-Lotsenfunktion Anleitungen zum selbstständigen Arbeiten.

Fachdidaktische Aspekte
Band 4 der Reihe „Das waren Zeiten“ ist generell deutlich an fachdidaktischen Aspekten orientiert. Der Unterschied zwischen Autorentext und Materialien wird aufgrund der farblichen Kennzeichnung verdeutlicht. Durch die Darstellung konträrer Perspektiven ist die Auswahl der Materialien problemorientiert. Die Aufgabenstellungen sind grundsätzlich eher für Einzelarbeit konzipiert, können von der Lehrkraft aber leicht für andere Sozialformen abgewandelt werden.
Aufgrund der Internet- und Exkursionstipps wird stellenweise auf außerschulische Geschichtskultur eingegangen. Im Schulbuch dominiert eine nationalgeschichtliche Sichtweise, was jedoch auf die curricularen Vorgaben zurückzuführen ist und dem Schulbuch nicht angelastet werden kann. Inhaltlich dominiert die Politikgeschichte, was ebenfalls auf der Kerncurriculum zurückzuführen ist. Die Kompetenzanforderungen werden vor allem durch die „Was war wichtig?“- Seiten transparent gemacht, indem den Schülerinnen und Schülern aufgezeigt wird, welche Kompetenzen sie erworben haben sollten.

Fazit
„Das waren Zeiten 4“ ist insgesamt ein gut konzipiertes übersichtliches Lehrwerk. Es ermöglicht Perspektivenwechsel ebenso wie die Ausbildung eines Geschichtsbewusstseins und bietet darüber hinaus vielfältige Methodentrainings. Trotz alledem hätten die Autorentexte inhaltlich etwas entzerrt werden können und die fehlende Unterscheidung zwischen Materialien und Quellen vermag die Differenzierung zwischen Quellen und Sekundärliteratur seitens des Schülers oder der Schülerin erschweren.
Im Vergleich zu den fachdidaktischen Aspekten sind die erwähnten Kritikpunkte jedoch als sekundär anzusehen. Viele Vertiefungsmöglichkeiten bieten den Schülerinnen und Schülern eine gute Grundlage zur eingehenden Auseinandersetzung mit dem Thema auch außerhalb des Unterrichts. Das Lehrwerk ist im Ganzen ein klar strukturiertes Geschichtsbuch, das es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, auf dem neuesten Stand der Fachdidaktik mit Geschichte umzugehen.