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Geschichte, Oberstufe, Gymnasium

Zeiten und Menschen 1

Zeiten und Menschen 1
Herausgegeben von Lendzian, Hans-Jürgen
Erschienen Paderborn: Schöningh, 2004
Seitenanzahl 527
ISBN 978-3-14-024962-1
Geeignet für Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein
Rezensiert von Willich, Thomas (Wissenschaftler), 1. November 2005

Rezension von Willich, Thomas (Wissenschaftler)


Einleitung
Nach der Neuausgabe von Zeiten und Menschen für die Sekundarstufe I (vgl. die Rezension von Svenja Büsching) liegt nun auch der erste Band der Neuausgabe des Oberstufen-Geschichtsbuches von Schöningh vor. Diese Ausgabe von Zeiten und Menschen für die Oberstufe wird - anders als seine drei- bzw. vierbändigen Vorgänger - zwei Bände umfassen. Der Inhalt des ersten Bandes umfasst die Zeit vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis 1945 und darf daher als Nachfolger des zweiten Bandes der Ausgabe G (Entfaltung und Krise der modernen Welt. Vom Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen bis zum Zweiten Weltkrieg) und des dritten Bandes der Ausgabe K (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft von 1776 bis 1918) gelten, ohne mit diesen Bänden thematisch deckungsgleich zu sein. Die in den genannten älteren Ausgaben in den Bänden 1 (Ausgabe G) bzw. 1 und 2 (Ausgabe K) behandelten früheren historischen Epochen werden in der Neuausgabe offenkundig nicht mehr berücksichtigt. Die beiden Bände sind als Arbeitsbücher für Schülerinnen und Schüler konzipiert. Lehrerbände oder Arbeitshefte wurden bislang nicht angekündigt.

Didaktisches Konzept
Der Zuschnitt auf einen bestimmten Lehrplan wird nicht ausgewiesen. Allerdings finden sich die im ersten Band behandelten Themen in den Oberstufen-Curricula der meisten Bundesländer, wenn auch oft in anderer Anordnung oder in verschiedenen übergreifenden Themenkomplexen. So wird im Lehrplan von Nordrhein-Westfalen für die 11. Jahrgangsstufe das Thema „1900: Jahrhundertwende = Zeitenwende? Der Durchbruch der Moderne 1880-1930" aufgeführt. Das vorliegende Buch bietet dazu Informationen und Materialien, greift jedoch chronologisch in beide Richtungen weiter aus.
Der Band folgt einem Modernisierungskonzept, das in einem einleitenden, kurzen Kapitel vorgestellt wird. Modernisierung wird in einem Informationstext und in einem als Material gebotenen Beitrag von Ulrich Thamer als ein um 1800 einsetzender "ambivalenter Prozess" von Wandel, Fortschritt und Verlust beschrieben, in dem wegweisede Grundlagen für die Gegenwart gelegt wurden. Thamer verweist dabei auf die Vorzüge, die den Begriff „Moderne" gegenüber dem Begriff „Modernisierung" auszeichnen. Die Verwurzelung der Gegenwart in der Moderne mit ihren Licht- und Schattenseiten - dies ist der Leitfaden, der sich durch das Buch zieht und von Lehrern und Schülern immer wieder aufgegriffen werden kann.
Dieser Anspruch spiegelt sich in den Themen des Bandes:

  • Politische Revolutionen der Moderne und die Herausbildung der demokratischen Gesellschaft"
  • Industrialisierung verändert Wirtschaft und Gesellschaft"
  • 1848/49: Revolution in Deutschland - Aufbruch zur Freiheit?"
  • Das Deutsche Kaiserreich - Nationalstaat zwischen Tradition und Moderne"
  • Die Weimarer Republik - die erste deutsche Demokratie"
  •  „Die Zerstörung der Demokratie durch den Nationalsozialismus"

Die Auswahl der Themen erscheint schlüssig, wenn man die starke Konzentration auf die deutsche Geschichte als ein Zugeständnis an die Schwerpunktsetzungen vieler Lehrpläne akzeptiert. Während das erste Kapitel die (US-)amerikanische Geschichte thematisiert und das zweite Kapitel Ausblicke nach England und in die USA bietet, bleibt der Blick in den folgenden Kapiteln auf Deutschland gerichtet, wobei an den notwendigen Stellen die europäischen und internationalen Zusammenhänge knapp erläutert werden (z.B. Faschismus, Russische Revolution). Die Auswahl der Inhalte kann insgesamt überzeugen, zumal immer wieder weiterführende Fragen gestellt werden. So wird im Kapitel „Politische Revolutionen der Moderne" die Französische Revolution als historischer Vergleichsfall herangezogen. Die zu diesem Thema vorgenommene Schwerpunktsetzung wurde offenkundig aus gegenwartspolitischen Erwägungen getroffen, denn als Diskussionsthema wird den Schülerinnen und Schülern die amerikanische Außenpolitik nach dem 11. September 2001 vorgeschlagen.
Ein Kapitel am Ende des Bandes unterbreitet Projektvorschläge zum Themenbereich Individuum und Gesellschaft im Wandel". Es werden Informationen und Materialien zu den Themen „Menschenrechte", „Funktionswandel der Familie in der europäischen Neuzeit" und „Migration" geliefert.

Aufbau
Der Aufbau der Kapitel zeigt eine klare Struktur: Eine gelb unterlegte Doppelseite führt als Auftakt mit Bildern und einführendem Text zum Thema hin. Es folgt auf zwei Seiten der Überblick zu den gebotenen Inhalten: Inhaltsverzeichnis zum folgenden Informationsteil, Vorstellung der vertieft behandelten Themen, Ankündigung der vorgestellten Methode(n), Ankündigung eines Diskussionsthemas.
Die Länge des folgenden Lehrbuchtextes mit grundlegenden Informationen variiert (z.B.: 18 Seiten zu 1848/49, 22 Seiten zum Kaiserreich, 30 Seiten zur Weimarer Republik), doch erfassen die Texte die für das Basiswissen wesentlichen Sachverhalte. Zu starke Verkürzungen wurden vermieden. Die Sprache der Texte ist für die Zielgruppe angemessen.
Es folgen drei bis sieben Themen, die Anregungen, Anleitung und Materialien zur vertieften Auseinandersetzung bieten. Jedes Thema wird einleitend vorgestellt und durch Leitfragen inhaltlich strukturiert. Es folgen Arbeitsaufträge und Text- und Bildquellen, Auszüge aus der Fachliteratur oder aus politischen Beiträgen der Gegenwart.
Methoden finden sich auf blau unterlegten Seiten bei einem Thema oder im Zusammenhang mit dem Forum (s.u.). Positiv hervorzuheben ist, dass dabei neben den „klassischen" historischen „Quellen" auch einige geschichtskulturelle Medien des Fachs thematisiert werden: Es werden Hinweise und Anleitungen zur Analyse und Interpretation von schriftlichen Quellen, politischen Reden, Spielfilmen, Statistiken, Gemälden, Karikaturen, Wahlplakaten sowie von Sekundärliteratur geboten. Neben dem Zeitzeugeninterview, das zu den historischen Methoden zu zählen ist, werden in dem Kapitel zur Projektarbeit allgemeine Lernmethoden vermittelt: Projektarbeit, Internetrecherche, Bücher/Bibliotheken.
In den Forum genannten Abschnitten der Kapitel werden wissenschaftliche Kontroversen zu zentralen historischen Fragen oder gegenwartsbezogene Diskussionsbeiträge geboten. Über einen Einführungstext, Leitfragen, Arbeitsaufträge und Materialien wird den Schülerinnen und Schülern die weitgehend selbstständige Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten zu historischen und gegenwartspolitischen Fragen ermöglicht.
Die Kapitel schließen jeweils mit einem Zusammenfassen, Üben und Darstellen „überschriebenen Abschnitt. Hier findet sich eine Seite mit Arbeitsaufträgen zum Kapitel (mit Hinweisen auf die relevanten Seiten), eine Aufzählung von „Kernbegriffen" sowie ein Material (etwas gewöhnungsbedürftig „Schlüsselquelle", „Schlüsselmaterial" oder „Schlüsseltext" genannt), das unter Anwendung des Erarbeiteten zu analysieren, auszuwerten und in historische Kontexte zu stellen ist. Entsprechende Aufgabenstellungen werden gegeben.
Die Abschnitte zu den drei Projekten bieten gleichfalls Informationstexte sowie Materialien. Schon der reduzierte Umfang, in dem die drei Themen präsentiert werden, vor allem aber die weiterführenden Arbeitsanregungen machen deutlich, dass das im Lehrbuch Gebotene allenfalls der Ausgangspunkt für historische Projekte in der Oberstufe sein kann.
Die Quellenauswahl und Quellenwiedergabe ist überzeugend. Die Quellen decken ein breites Spektrum von Texten und Bildern ab. Die Texte sind in ihrem Umfang dem Oberstufenniveau angemessen; das Verständnis beeinträchtigende Kürzungen wurden vermieden. Die Kommentare zu den Quellen wurden auf das Notwendigste reduziert (wobei der Kommentar zu M 6 auf S. 239 nicht zur Quelle passt).

Methodisches Konzept
Der Band weist eine klare Orientierung auf selbstständige Schülerarbeit auf. Besonders deutlich zeigen dies die zahlreichen Aufgaben, die gleichsam die Anleitung zur Erarbeitung der Themen bieten. Die Aufgabenstellungen sind überwiegend „konventionell", d.h. sie beziehen sich auf die Erläuterung von Sachverhalten oder Begriffen, auf das Zusammenfassen oder Wiedergeben von Gelesenem. Darüber hinaus werden die Schülerinnen und Schüler häufig aufgefordert, die im jeweiligen Kapitel angeschnittenen Probleme zu diskutieren. Vereinzelt gibt es Anregungen zu Rollenspielen oder auch zur Aufnahme von Kontakten im außerschulischen Bereich. Es wird insgesamt ein breites Spektrum von Aufgaben geboten, der Bewältigung sowohl methodisch-analytische Kompetenzen als auch die Deutungs- sowie die Urteilskompetenz erfordern und bilden. Gerade im Hinblick auf Klausuren und Abituraufgaben vermisst man jedoch klar strukturierte Aufgaben zur schriftlichen Narration von Geschichte (vgl. den Entwurf der EPA im Fach Geschichte).
Am Ende des Bandes werden in einem „Glossar" zentrale Begriffe definiert sowie im „Register" die Namen und Sachen (sowie mit solchen fest verbundene Orte) aufgeführt. Der Band hat eine ansprechende Gestaltung und wurde sorgfältig redigiert.

Fazit
Abschließend ist festzustellen, dass dem Verlag mit der neuen Ausgabe des Oberstufenbandes von Zeiten und Menschen ein Lehrbuch gelungen ist, das eine umfangreiche, gut strukturierte und inhaltlich überzeugende Basis für die weitgehend selbstständige Schülerarbeit legt. Insbesondere diese Schülerorientierung, aber auch der didaktisch sinnvoll angewandte Gegenwarts- und Problembezug zeichnen den Band aus. Fraglich ist allerdings, ob er gemeinsam mit seinem Nachfolgeband die in den Lehrplänen vorgeschriebenen oder empfohlenen Inhalte vollständig abdecken kann.